Konzerte, Community & Outreach, Workshops, Filmscreenings, Jam-Sessions, Artist Talks
Die 63. Ausgabe des Jazzfest Berlin findet vom 29. Oktober bis 1. November 2026 im Haus der Berliner Festspiele sowie in den nahe gelegenen Spielstätten A-Trane, Quasimodo und Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche statt. Das Konzertprogramm umfasst 24 Acts mit vier Uraufführungen, zwei Europa- und fünf Deutschlandpremieren. Insgesamt zelebrieren über 130 Künstler*innen aus mehr als 25 Ländern, darunter internationale Stimmen aus der Berliner Szene, gemeinsam die globale Jazzcommunity.
Der Community-Fokus zeigt sich darüber hinaus im generationenübergreifenden Programm. Der mittlerweile preisgekrönte Kurzfilm DREAM BABY DREAM, der im Rahmen der JazzfestCommunity Week im vergangenen Jahr mit 60 Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen gedreht wurde, feierte Ende April in Washington, D. C., seine Weltpremiere und wird seitdem auf zahlreichen Musik- und Filmfestivals im In- und Ausland sowie auch zur Eröffnung des Jazzfest Berlin 2026 im Haus der Berliner Festspiele gezeigt.
Das Line-up lädt wieder zu Neuentdeckungen ein, bespielt mit herausragenden Vertreter*innen ihrer jeweiligen Szenen ein kulturell und musikalisch äußerst diverses Feld und feiert mit Anthony Braxton und Alexander von Schlippenbach zugleich zwei wegweisende Stimmen, die seit Jahrzehnten die globale Szene prägen und das Jazzfest Berlin wiederholt bereichert haben.
So ist Braxton – 50 Jahre nach seinem erstenAuftritt beim Jazzfest Berlin und sieben Jahre nach dem beeindruckenden Sonic Genome im Gropius Bau – erneut beim Festival zu erleben: Neben einem Konzert im Haus der Berliner Festspiele zur Eröffnung mit dem für diesen Anlass neu ins Leben gerufenen Anthony Braxton Septet gibt er auch einen mehrtägigen Workshop für Studierende des Jazz Institut Berlin (JIB). Letztere vereinen sich unter der Ägide des stilbildenden Komponisten und Multiinstrumentalisten zum Creative Music Orchestra und bilden mit einem Konzert im Georg-Neumann-Saal des JIB einen Höhepunkt der diesjährigen Jazzfest Community Week.
Alexander von Schlippenbach, der 1966das bahnbrechende Globe Unity Orchestra anlässlich eines Kompositionsauftrags für die damaligen Berliner Jazztage gründete, setzt mit einem Jubiläumskonzert 60 Jahre später einen glanzvollen Schlusspunkt am Festivalsonntag im Haus der Berliner Festspiele – in alter Formation, aber mit neuer Besetzung, darunter George Lewis, Aki Takase und Evan Parker.
Kontakt
JazzFest Berlin
Berliner Festspiele Schaperstraße 24 D-10719Berlin
Von Montag bis Samstag lädt das Jazzfest Berlin junge Musiker*innen ein, das Festival aktiv mitzugestalten. Studierende des Jazz Institut Berlin bespielen die Moabiter Nachbarschaft mit kostenlosen Lunch-Konzerten und Kiez-Sessions, wobei letztere für alle musikalisch Interessierten zur Teilnahme geöffnet sind.
Montag, 26. Oktober
Teresa Luna – Stimme
Max Feig – Gitarre
Dienstag, 27. Oktober
Bruno Bolz – Gitarre
Daniel Shachar – Gitarre
Mittwoch, 28. Oktober
Irma Neumüller – Stimme
David Weissglas – Klavier
Termine
Mo 26.10.2026, 13:00 | Eintritt frei!
Di 27.10.2026, 13:00 | Eintritt frei!
Mi 28.10.2026, 13:00 | Eintritt frei!
Ort
SOS-Kinderdorf Berlin-Moabit
Waldstraße 23-24
D-10551 Berlin
Kick-off: Jazzfest Community Week & Kiez-Session #1
Get-together, Filmscreening & Konzert
Mit der Jazzfest Community Week 2026 setzt die diesjährige Festivalausgabe vom 26. Oktober bis 1. November die Zusammenarbeit mit lokalen Initiativen und Studierenden des Jazz Institut Berlin im Moabiter Nachbar*innenkiez fort. Seit 2023 entstehen im Rahmen dieser Community- und Outreach-Aktivitäten kostenfreie, generationenübergreifende Veranstaltungen und Formate, die kreative Teilhabe fördern und neue Räume für Begegnungen schaffen.
Der Auftakt der Festivalwoche findet im PAS Berlin statt und umfasst ein Screening des preisgekrönten experimentellen Kurzfilms DREAM BABY DREAM , der im Rahmen des Jazzfest Berlin 2025 gemeinsam mit 60 Berliner Akteur*innen entstanden ist. Anschließend lädt die Kiez-Session #1 mit der Band Sole Levid, bestehend aus Studierenden des Jazz Institut Berlin, alle musikalisch Interessierten zur aktiven Teilnahme ein. Darüber hinaus kommen die an der Jazzfest Community Week beteiligten Initiativen zusammen, stellen ihre Arbeit vor und laden zum Austausch ein.
Programm:
Get-together mit teilnehmenden Initiativen
DREAM BABY DREAM
Ein Film von Andrés Aguiló, Lina Ashour, Frederik Britzlmair, Nadin Deventer, Joel Grip, Andrés Hilarión, Chris Jonas, Nelly Thea Köster, Cal Ola und Ahmed Shah
Eine Produktion von Jazzfest Berlin / Berliner Festspiele
2026, 21 min
In verschiedenen Sprachen mit englischen Untertiteln
60 Berliner Akteur*innen, darunter Kinder, Jugendliche und Erwachsene sowie professionelle und nicht-professionelle Künstler*innen aus unterschiedlichsten Disziplinen, erkunden in diesem experimentellen Kurzfilm durch Musik, Bewegung und Poesie zentrale Fragen unserer Gegenwart. Das Projekt wurde im Herbst 2025 von einem zehnköpfigen Creative Team entwickelt, produziert und während der Jazzfest Community Week Ende Oktober 2025 in Berlin gedreht. Der Film feierte im April 2026 seine Premiere in Washington, D.C., wo er mit dem IN Series Counterpoint Award ausgezeichnet wurde, und war seitdem bei über zwanzig Screenings auf Musik- und Filmfestivals im In- und Ausland zu sehen.
Kiez-Session #1: Sole Levid
mit Sophie Link – Stimme
Mile Kremberg – Kontrabass
David Zipser – Klavier
Leela Faude – Schlagzeug
Termin
Mo 26.10.2026, 19:00 | Eintritt frei!
Ort
PAS Berlin
First Floor, Hinterhof Aufgang II Kaiserin-Augusta-Allee 101
D-10553 Berlin
Von Montag bis Samstag lädt das Jazzfest Berlin junge Musiker*innen ein, das Festival aktiv mitzugestalten. Studierende des Jazz Institut Berlin bespielen die Moabiter Nachbar*innenschaft mit kostenlosen Lunch-Konzerten und Kiez-Sessions, wobei letztere für alle musikalisch Interessierten zur aktiven Teilnahme geöffnet sind.
Montag, 26. Oktober – Kiez-Session #1 – PAS Berlin
Sophie Link – Stimme
Mile Kremberg – Kontrabass
David Zipser – Klavier
Leela Faude – Schlagzeug
Dienstag, 27. Oktober – Kiez-Session #2 – KUKUMU-Café
Pip van Eeden – Gitarre
Yuma Shigesada – Violoncello
Francesco Nowell – Kontrabass
Mittwoch, 28. Oktober – Kiez-Session #3
Anschlussevent zu Melting Pot
Donnerstag, 29. Oktober – Kiez-Session #4 – Kallasch&
Rossano Snel – Keyboard
Evgeniy Abin – Tenorsaxofon, Bassklarinette
Samstag, 31. Oktober – Kiez-Session #5 – Kulturfabrik Moabit, Café
Florian Pasche – Saxofon
Sebastian Pfeifer – Keyboard, Elektronik
Pascal Jarchow – Kontrabass
Termine
Mo 26.10.2026, 19:00 | Eintritt frei! Berlin
Di 27.10.2026, 19:00 | Eintritt frei! Berlin
Mi 28.10.2026, 20:00 | Eintritt frei! Berlinund weitere Termine
Do 29.10.2026, 19:00 | Eintritt frei! Berlin
Sa 31.10.2026, 20:00 | Eintritt frei! Berlin
Berliner Festspiele
Schaperstraße 24
D-10719 Berlin
PAS Berlin
Kaiserin-Augusta-Allee 101
D-10553 Berlin
KUKUMU
Lübecker Straße 43
D-10559 Berlin
Jazz-Institut
Einsteinufer 43-53
D-10587 Berlin
Kallasch&
Unionstraße 2
D-10551 Berlin
Kulturfabrik Moabit
Lehrter Straße 35
D-10557 Berlin
Sofia Salvo – Baritonsaxofon
Henrik Sandstad Dalen – Kontrabass
Judith Schwarz – Schlagzeug
Kasia Kapela – Violine, Stimme
Alex Koo – Klavier
Wie steht es um die Zukunft von improvisierter Musik? Keine Antwort, aber spannende Einblicke bietet das Konzert der Initiative Melting Pot , das in diesem Jahr vier herausragende junge Improvisationsmusiker*innen aus vier europäischen Städten zum ersten Mal auf der Bühne zusammenbringt. Im Anschluss bespielen Studierende des Jazzinstitut Berlin das Café Carla mit einer Kiez-Session, an der alle musikalisch Interessierten aktiv teilnehmen können.
19:00 Melting Pot
(BE, JP, NO, PL)
Das europäische Kooperationsprojekt Melting Pot bringt jedes Jahr eine neue Konstellation junger Improvisationsmusiker*innen zusammen, die sich ohne lange Probenzeiten vor Publikum eine Bühne teilen. In diesem Jahr haben die Berliner Festspiele / Jazzfest Berlin, Handelsbeurs Concertzaal (Gent), Jazztopad (Wrocław) und Nasjonal Jazzscene Victoria (Oslo) jeweils eine*n Musiker*in aus ihrer Region zur Teilnahme eingeladen: Erstmals kommen die Saxofonistin Heidi Kvelvane, der Gitarrist Haroun Iqbal, der Kontrabassist Mikołaj Nowicki sowie der Schlagzeuger Raiga Hayashi für eine gemeinsame Session zusammen. Reiz und Besonderheit von Melting Pot liegen darin, dass Künstler*innen mit unterschiedlichen Hintergründen jenseits ihrer gewohnten Kontexte aufeinandertreffen, gemeinsam improvisieren und dabei stilistische wie geografische Grenzen überschreiten, um live etwas Neues entstehen zu lassen.
Eine Kooperation von Berliner Festspiele / Jazzfest Berlin, Jazztopad Festival (Wrocław), Handelsbeurs (Gent) und Nasjonal Jazzscene Victoria (Oslo)
20:00 Kiez-Session #3
Von Montag bis Samstag lädt das Jazzfest Berlin junge Musiker*innen ein, das Festival aktiv mitzugestalten. Studierende des Jazz Institut Berlin bespielen die Moabiter Nachbar*innenschaft mit kostenlosen Lunch-Konzerten und Kiez-Sessions, wobei letztere für alle musikalisch Interessierten zur aktiven Teilnahme geöffnet sind.
Termin
Mi 28.10.2026, 19:00 | Eintritt frei!
Ort
Jazz-Institut
Café Carla Einsteinufer 43-53
D-10587 Berlin
mit Silke Eberhard, James Fei, Alexander Hawkins und Heinrich Köbberling
In diesem Jahr kehrt eine der prägendsten Persönlichkeiten der zeitgenössischen, avantgardistischen Musik zum Jazzfest Berlin zurück: Anthony Braxton. Über sein Leben und Werk sprechen Musikjournalist Peter Margasak und die Künstlerische Leiterin des Jazzfest Berlin Nadin Deventer mit zwei Mitgliedern seines neuen Septetts – Silke Eberhard und James Fei – sowie mit dem Komponisten und Pianisten Alexander Hawkins. Gemeinsam mit Heinrich Köbberling vom Jazz Institut Berlin (JIB) reflektieren sie Braxtons nachhaltigen Einfluss auf die internationale Jazz- und Improvisationsszene sowie seine Bedeutung für nachfolgende Generationen von Musiker*innen. Darüber hinaus geben sie Einblicke in sein Septett-Projekt und den Workshop, den Braxton während des Festivals mit Studierenden des JIB realisiert.
Mit Silke Eberhard, James Fei, Alexander Hawkins und Heinrich Köbberling
Nadin Deventer, Peter Margasak – Moderation
Dauer: circa 45 min
Termin
Do 29.10.2026, 17:00 | Eintritt frei!
Ort
Haus der Berliner Festspiele
Bornemann Bar Schaperstraße 24
D-10719 Berlin
Das EROSÃO PERCUSSION TRIO ist ein außergewöhnliches neues Projekt der brasilianischen Schlagzeugerin, Sängerin und Komponistin Mariá Portugal zusammen mit den Perkussionisten Burkhard Beins und Emilio Gordoa. Sie eröffnen die diesjährige Festivalausgabe mit einem dynamischen Zusammenspiel von Melodien, Texturen und vorwärtstreibender Energie. Im Anschluss an ihren Auftritt folgt das Screening von DREAM BABY DREAM . Der preisgekrönte experimentelle Kurzfilm wurde während des Jazzfest Berlin 2025 mit 60 in Berlin lebenden Akteur*innen realisiert. Anschließend präsentiert der legendäre Saxofonist und Komponist Anthony Braxton die Weltpremiere seines neuen Septetts, das auf fesselnde Weise vier Saxofone und drei Tuben miteinander in Einklang bringt und seinem einzigartigen musikalischen System neue, faszinierende Facetten verleiht. Der Abend endet mit der Europapremiere von Willow Music, dem ersten für ein großes Ensemble angelegten Projekt des britischen Pianisten Alexander Hawkins.
18:00 EROSÃO PERCUSSION TRIO
(BR, DE, MX)
Die Schlagzeugerin, Komponistin und Sängerin Mariá Portugal ist in den letzten Jahren nicht zuletzt dank ihrer bemerkenswerten Vielseitigkeit und stilistischen Bandbreite eine feste Größe beim Jazzfest Berlin geworden. Bei Auftritten mit ihrem brasilianischen Kollektiv Quartabê oder in Improvisationen mit Fred Frith und Susanna Santos Silva hat sie einige ihrer vielen künstlerischen Facetten entfaltet. Portugal besitzt die außergewöhnliche Fähigkeit, selbst in den elliptischsten Gesten poetische Qualitäten zu entdecken und mittels multilinearer Abstraktion wunderschöne Melodien heraufzubeschwören. Im Jahr 2021 präsentierte sie beim Jazzfest Berlin ihr Projekt EROSÃO , bei dem sie die gemeinsam mit brasilianischen Musiker*innen entstandenen Songs zusammen mit europäischen Mitwirkenden mit spontanen Arrangements interpretierte.
Sie hatte Ähnliches geplant, als sie vor einigen Jahren zusammen mit den Perkussionisten Emilio Gordoa und Burkhard Beins das EROSÃO PERCUSSION TRIO gründete. Die beiden sind zentrale Figuren in der Berliner Szene für Echtzeitmusik, die häufig einen reduzierten, minimalistischen Ansatz in der Improvisation verfolgt. Im Laufe der Zeit verlagerte sich der Schwerpunkt des neuen Trios jedoch und die Gruppe fand einen unübertrefflichen Kompromiss, der in einem völlig neuen Repertoire mündete. Mal singt Portugal ihre eigenen Melodien mit fesselnder Zärtlichkeit über schwebenden Wellen eines einzigen Tons, mal kämpft sie sich durch klapperndes Geräuschgewirr. Die Drei bringen einen umfangreichen Katalog ausgefeilter erweiterter Spieltechniken gemeinsam zum Klingen und greifen darauf zurück, um eine Reihe von Passagen zu gestalten, die vom aufmerksamen Zuhören getragen werden und dabei nur so vor Details strotzen.
Ein Film von Andrés Aguiló, Lina Ashour, Frederik Britzlmair, Nadin Deventer, Joel Grip, Andrés Hilarión, Chris Jonas, Nelly Thea Köster, Cal Ola und Ahmed Shah
Eine Produktion von Jazzfest Berlin / Berliner Festspiele
2025, 21 min
In verschiedenen Sprachen mit englischen Untertiteln
60 Berliner Akteur*innen, darunter Kinder, Jugendliche und Erwachsene sowie professionelle und nicht-professionelle Künstler*innen aus unterschiedlichsten Disziplinen, erkunden in diesem experimentellen Kurzfilm durch Musik, Bewegung und Poesie zentrale Fragen unserer Gegenwart. Das Projekt wurde im Herbst 2025 von einem zehnköpfigen Creative Team entwickelt, produziert und während der Jazzfest Community Week Ende Oktober 2025 in Berlin gedreht. Der Film feierte im April 2026 seine Premiere in Washington, D.C., wo er mit dem IN Series Counterpoint Award ausgezeichnet wurde, und war seitdem bei über zwanzig Screenings auf Musik- und Filmfestivals im In- und Ausland zu sehen.
19:45 Anthony Braxton Septet
(BE, CA, DE, FR, US)
Uraufführung
Im Jahr 2019 präsentierte der legendäre US-amerikanische Komponist und Saxofonist Anthony Braxton eines der bemerkenswertesten Ereignisse in der Geschichte des Jazzfest Berlin, als er mit mehr als 60 Musiker*innen im Gropius Bau sein Sonic Genome realisierte – das herausragende Statement einer Persönlichkeit, die ihr Leben lang die Musikwelt geprägt hat. Als Gründungsmitglied der Association for the Advancement of Creative Musicians (AACM) in Chicago setzte sich Braxton unbeirrt über jegliche Genregrenzen hinweg und legte damit den Grundstein für seine kreative Vorgehensweise, die aus der Gesamtheit der menschlichen Vorstellungskraft schöpft. Experimentierfreudigkeit, Improvisation und Kollektivität standen in seinem Schaffen stets im Vordergrund. Die Liste der Musiker*innen, die unter Braxton gearbeitet und bei ihm studiert haben, liest sich wie ein Who’s who der improvisierten Musik. Darunter finden sich auch viele Künstler*innen des diesjährigen Jazzfest Berlin wie George Lewis, Mary Halvorson, Alexander Hawkins und Tomeka Reid, um nur einige zu nennen.
Im Rahmen dieses besonderen Konzerts werden ein neues Ensemble, eine Reihe von Kompositionen und ein neues Organisationssystem vorgestellt. Braxtons Musik war schon immer von einer kumulativen Entwicklung geprägt: Sein Werk befindet sich in stetigem Wandel und wird fortlaufend durch neue Konzepte und Ideen erweitert. Einige dieser Ideen lotete er bereits in seinem Saxofonquartett Lorraine (2022) aus. Darin fügte der Bandleader elektronische Elemente zum dicht verwobenen melodischen Zusammenspiel hinzu, welches durch die prismatische Perspektive seiner Improvisationssprache „Language Music“ (auch als „Ghost Trance Music“ bekannt) interpretiert wurde. Die beim Jazzfest Berlin vorgestellte Version indes erweitert das Material um eine neue Dimension von Möglichkeiten, die Braxton sich als eine Art unterirdisches Universum vorstellt. An der Seite des Bandleaders stehen sein langjähriger Kollege James Fei sowie zwei spannende Neuzugänge. Die Berliner Holzbläserin Silke Eberhard hat bereits im Jahr 2023 beim Jazzfest Berlin mit einem anderen AACM-Schwergewicht, Henry Threadgill, zusammengearbeitet. Und die in New York lebende kanadische Saxofonistin Anna Webber ist eine brillante Komponistin, die im Jahr 2024 als Mitglied von John Hollenbecks GEORGE beim Jazzfest Berlin auftrat. Das Ensemble wird durch drei Tubist*innen vervollständigt: der in Berlin ansässige Matthew Bookert, die Belgierin Berlinde Deman und die Französin Fanny Méteier.
Anthony Braxton – Saxofon
James Fei – Saxofon
Anna Webber – Tenorsaxofon
Silke Eberhard – Altsaxofon
Fanny Méteier – Tuba
Berlinde Deman – Tuba
Matthew Bookert – Tuba
21:15 Alexander Hawkins Willow Music
(DE, GB, IT, US)
Europapremiere
Bei Willow Music mag es sich zwar um ein neues Projekt des herausragenden britischen Pianisten, Komponisten und Bandleaders Alexander Hawkins handeln, doch gingen ihm eingehende Überlegungen und ein sorgfältiger künstlerischer Entwicklungsprozess voraus. Hawkins ist in den vergangenen Jahren als Mitglied des Trios Decoy und im Duo mit der Sängerin Sofia Jernberg beim Jazzfest Berlin aufgetreten. Zuletzt sehnte er sich danach, seine kontrapunktische Kompositionsweise, bei der sich Melodielinien gegenseitig ergänzen, weiter auszubauen. Er hatte diese Technik bereits in seinem langjährigen Trio erforscht, doch wünschte sich der Pianist die Möglichkeit einer orchestralen Umsetzung, die ihm sowohl den Spielraum für den Einsatz von Kontrapunkten vergrößern als auch die Chance bieten würde, dichte Akkordharmonien zu erzeugen. Inspiration fand er unter anderem bei Ornette Coleman und Anthony Braxton, deren Ideen er sehr bewundert.
Darüber hinaus spielen die meisten der Bandmitglieder mehr als nur ein Instrument, was das klangliche Spektrum der Band exponentiell erweitert. Das ermöglicht Hawkins, seine Arrangements à la Ellington aufzuziehen. Ihm zufolge handelt es sich sogar bei denen aus jeweils nur einem Wort bestehenden Namen seiner Kompositionen um Anspielungen auf den gelegentlichen Hang von Duke Ellington, seine Titel knapp zu halten und in Großbuchstaben zu schreiben. Bei den ersten Auftritten des Ensembles im Londoner Cafe Oto diesen Mai wirkte die Rhythmussektion seines langjährigen Trios – Bassist Neil Charles und Schlagzeuger Stephen Davis – an der Entstehung der Musik mit. Das gewährleistet Kontinuität, obwohl der Großteil des Ensembles aus Musiker*innen besteht, mit denen Hawkins zuvor noch nicht zusammengearbeitet hat. In Berlin gehören zur Besetzung einige der wichtigsten Figuren der britischen Szene, darunter die Holzbläser Chelsea Carmichael und Tom Challenger, sowie der italienische Klarinettist Marco Colonna, der in Berlin lebende Posaunist Matthias Müller und der Bassist Nick Dunston.
Chelsea Carmichael – Flöte, Tenorsaxofon
Tom Challenger – Flöte, Klarinette, Altsaxofon
Marco Colonna – Klarinette
George Crowley – Bassklarinette, Tenorsaxofon
Stephen Davis – Schlagzeug, Perkussion
Nick Dunston – Kontrabass
Alicia Gardener-Trejo – Flöten, Bassklarinette
Alexander Hawkins – Klavier, Komposition
Olivia Hughes – Tuba
Charlotte Keeffe – Trompete
Matthias Müller – Posaune
Die schwedische Saxofonistin Elin Forkelid brillierte bereits im Jahr 2024 beim Jazzfest Berlin durch ihre dynamische Präsenz in den Bands von Anna Högberg und Vilhelm Bromander. Nun kehrt sie zum ersten Mal mit einem eigenen Projekt zurück. Zur Feier des 100. Geburtstags von John Coltrane präsentiert sie Plays For Trane : Dieses Weltklassequintett verleiht dessen unvergesslichen Kompositionen eine ganz besondere Note.
Elin Forkelid Plays For Trane
(SE)
Deutschlandpremiere
Die schwedische Saxofonistin Elin Forkelid hat bereits beim Jazzfest Berlin 2024 als Mitglied zweier von Vilhelm Bromander und Anna Högberg geleiteter Bands mit feurigen Soli geglänzt. Das Wort „for“ hat sie ganz bewusst in den Namen ihres langjährigen Projekts eingefügt. Zwar interpretiert ihr Quintett das musikalische Werk des einzigartigen Komponisten und Saxofonisten John Coltrane, doch besteht die Aufgabe der Gruppe sowohl darin, Tranes Musik zu spielen, als auch sein Vermächtnis weiterzudenken. Diese beiden Ziele sind untrennbar miteinander verbunden. Zu Forkelids Band gehören einige der größten Talente der aktuellen Stockholmer Jazzszene: Gitarrist David Stackenäs und Vibrafonist Mattias Ståhl sorgen für eine ebenso üppige wie vielschichtige harmonische Grundierung, während Bassist Bromander und Schlagzeuger Jon Fält die Musik vorantreiben und zugleich einen Strudel brodelnder Energie erzeugen, in dem sich Tranes ekstatische Leidenschaft verdichtet.
Auf dem vor Kurzem erschienenen zweiten Album der Gruppe widmet sich das Quintett unvergesslichen Klassikern, darunter die introspektive Ballade Naima und der zeitlose Appell Peace on Earth . Während die Musiker*innen den melodischen und harmonischen Kern des Materials erhalten und pflegen, fügen die Arrangements diesem noch eine weitere Ebene hinzu. Dazu erschaffen der Gitarrist und der Vibrafonist ein zerklüftetes Klanggefüge – ein schimmerndes, leuchtendes Gewebe, vor dessen Hintergrund die klagenden Melodien des Saxofonisten endlos neu interpretiert werden, wobei der raue Klang an die feurige Spiritualität von Coltranes Spätwerk erinnert. Ihre Interpretation des wenig bekannten Stücks Reverend King vom Album Cosmic Music aus dem Jahr 1968 reitet auf einem steten Stakkato-Puls dahin und baut damit eine Spannung auf, dank derer Forkelids episches Solo meisterhaft in Szene gesetzt wird. Das Arrangement indes lässt sich Zeit und kommt in den letzten, sprudelnden Momenten richtig zur Geltung.
Line-up: Elin Forkelid – Sopran-, Alt- und Tenorsaxofon
David Stackenäs – Gitarre
Mattias Ståhl – Vibrafon
Vilhelm Bromander – Kontrabass
Jon Fält – Schlagzeug, Perkussion
Die norwegische Sängerin und Komponistin Karoline Wallace präsentiert die Deutschlandpremiere ihres neuen Projekts Eon . Die Songs sind von verschiedenen Sichtweisen auf die Geologie und das Konzept der Tiefenzeit inspiriert, doch der Klang des Quintetts mit der hervorragenden Saxofonistin Signe Emmeluth ist ganz und gar in unserer Gegenwart verankert. Einflüsse aus Musiktraditionen wie Folk, Rock und Ambient-Musik prägen Melodien, die mit intuitiver Improvisation verwoben werden.
Karoline Wallace: Eon
(NO)
Deutschlandpremiere
Wie viele andere Künstler*innen der diesjährigen Ausgabe des Jazzfest Berlin weigert sich die norwegische Sängerin und Komponistin Karoline Wallace, ihr Werk irgendeiner Art von Kategorisierung zu unterziehen. Ihre eigenen Projekte schöpfen regelmäßig aus einer Vielzahl von Quellen und Inspirationen wie etwa Folk, Rock, Free Jazz, Ambient-Musik und Art-Pop, doch drängt sich zu keiner Zeit das Gefühl auf, dass sie wahllos unterschiedliche Elemente in einen Topf werfen würde. In den letzten acht Jahren war Wallace sowohl als Bandleaderin wie auch als Begleitmusikerin und Arrangeurin an einer Vielzahl von Projekten beteiligt. Angesichts dieses Œuvres überrascht es keinesfalls, dass ihr neuestes, in Quintettformation umgesetztes Album Eon ein vergleichbar breites Spektrum abdeckt. Bereits ihre bisherigen Projekte als Bandleaderin waren vielversprechend, mit Eon jedoch erreicht Wallace ihren vorläufigen Zenit. So verlockend es sein mag, die verschiedenen Bestandteile dieses musikalischen Gesamtwerks auseinanderzunehmen: Nicht nur wäre dies ein aussichtsloses Unterfangen, auch würde es bedeuten, seinem eigentlichen Charakter nicht gerecht zu werden.
Wallace wird von einer fantastischen Band – bestehend aus der Saxofonistin Signe Emmeluth, die im Vorjahr ihr Projekt BANSHEE beim Jazzfest Berlin auf die Bühne brachte, dem Gitarristen Karl Bjorå, dem Cellisten Joel Ring und dem Schlagzeuger Martin Langlie – unterstützt und schafft wunderschöne Melodien, die sich durch stetig wandelnde Klanglandschaften winden. Da sind die luftigen Balladen mit ihren schwerelosen elektronischen Texturen und den unendlich einfallsreichen Gitarrenphrasen und Licks von Bjorå, die um die Stimme der Sängerin herumtänzeln. Andere Songs, wie etwa Atlas, erzeugen ein wildes, kratziges Getöse und lassen Langlie klingen, als würde er auf Altmetall eindreschen, während Emmeluth auf dem Altsaxofon jammt und Bjorå laute Phrasen und Läufe produziert, die sich in die ruppigen Beats einkuscheln. Ob sie ihre Texte nun flüstert oder sie doch hinausschreit: Wallace behält stets die Zügel in der Hand, während ihre Arrangements gekonnt die Schönheit der Texte mit diesem unbändigen Klangchaos ausbalancieren. Ihr Projekt Eon feiert beim diesjährigen Jazzfest Berlin seine Deutschlandpremiere.
Line-up: Karoline Wallace – Stimme, Elektronik
Signe Emmeluth – Altsaxofon, Flöte, Elektronik
Karl Bjorå – Gitarre
Joel Ring – Violoncello
Martin Langlie – Schlagzeug, Banjo, Elektronik
mit Amir ElSaffar, Camila Nebbia und Shabnam Parvaresh
Der irakisch-US-amerikanische Trompeter und Komponist Amir ElSaffar, die aus Argentinien stammende und in Berlin lebende Tenorsaxofonistin und Komponistin Camila Nebbia sowie die iranische Klarinettistin und künstlerische Leiterin des Morgenland Festival Osnabrück Shabnam Parvaresh verbinden in ihren Arbeiten auf unterschiedliche Weise musikalische Traditionen, persönliche Erfahrungen und zeitgenössische Ausdrucksformen. Im Artist Talk mit Musikjournalist Peter Margasak und Nadin Deventer geben sie Einblick in ihre künstlerischen Arbeitsweisen, sprechen über prägende Einflüsse und reflektieren ihre Perspektiven auf die internationale Jazz- und Improvisationsszene.
Mit Amir ElSaffar, Camila Nebbia und Shabnam Parvaresh
Nadin Deventer, Peter Margasak – Moderation
Dauer: circa 45 min
Termin
Fr 30.10.2026, 17:30 | Eintritt frei!
Ort
Haus der Berliner Festspiele
Bornemann Bar Schaperstraße 24
D-10719 Berlin
Camila Nebbia Large Ensemble // Amir ElSaffar New Quartet // Immanuel Wilkins Quartet
Die argentinische, mittlerweile in Berlin ansässige Saxofonistin und Komponistin Camila Nebbia eröffnet den zweiten Abend des Jazzfest Berlin mit der Weltpremiere ihrer spannenden neuen Band. Eingerahmt wird die Performance von manipulierten Filmaufnahmen, die die Künstlerin selbst gedreht hat oder die aus den Archiven ihrer Familie stammen. Mit ihrer Musik reflektiert Nebbia Reisen, die das Leben verändern. Inspirieren lässt sie sich dabei von den unveröffentlichten Memoiren ihres Urgroßvaters, der sein Heimatland Libanon verließ, um ein neues Leben in Südamerika zu beginnen. Im Anschluss tritt der irakisch-US-amerikanische Trompeter Amir ElSaffar auf. Er präsentiert die jüngsten Ergebnisse seiner langjährigen Auseinandersetzung mit der irakischen Maqam-Tradition, die in seinem Schaffen durch das improvisatorische Prisma von brodelndem Post-Bop und mikrotonaler Musik gebrochen wird. Den Abschluss bildet ein Auftritt des theoretisch versierten und praktisch ausgesprochen vielseitigen New Yorker Saxofonisten Immanuel Wilkins und seines explosiven Quartetts, das gerade eine gefeierte Reihe von schwungvollen Live-Alben veröffentlicht hat.
18:30 Camila Nebbia Large Ensemble: the darkness, overwhelming and imposing, compelled me to light my own fires
(AR, DE, FI, GB, HR, PL, US)
Uraufführung
Es wird zunehmend schwieriger, mit der Saxofonistin und Komponistin Camila Nebbia Schritt zu halten. Berlin sollte der fiebrig-intensiven Improvisationsmusikerin aus Buenos Aires dafür dankbar sein, sich vor einigen Jahren in der Stadt niedergelassen zu haben. In ihrem DIY-Elan schwingt ein gewisser Punk-Esprit mit, der sich auch in ihrer Offenheit gegenüber Kooperationspartner*innen und ihrem uneingeschränkten Engagement widerspiegelt, bei jedem Auftritt bis ans Äußerste zu gehen. Darüber hinaus ist Nebbia eine Architektin von Gemeinschaften – ein wesentlicher Aspekt ihres neuen Projekts, das beim Jazzfest Berlin seine Weltpremiere feiert. Sie leitet eine spannende internationale Band mit zehn Mitgliedern, die sich zu großen Teilen aus der äußerst vitalen Szene für improvisierte Musik in Berlin zusammensetzt und durch den Videokünstler Andro Manzoni um eine visuelle Ebene erweitert wird.
Im Rahmen ihrer Reise nach Europa setzte sich Nebbia mit der Geschichte ihres Urgroßvaters Abraham Breide auseinander. Sie ließ sich dabei von seinen unveröffentlichten Memoiren inspirieren, in denen er seine Erfahrungen bei der Auswanderung aus seinem Heimatland Libanon nach Argentinien schilderte. Manzoni arbeitet mit Filmmaterial im 8-mm- und 16-mm-Format, das von Nebbia gedreht wurde oder aus den Archiven ihrer Familie stammt. Sie hat die Filmkopien mit Farbe und Säure behandelt, wodurch das Material abstrakter wirkt und so dem Publikum ermöglicht, den Bildern eine eigene Bedeutung zuzuschreiben. „Sowohl in der Musik als auch im Film arbeite ich mit Zerstörung als kreativem Werkzeug“, erklärt Nebbia. „Es ist, als würden wir stets versuchen, dem Vergessen zu widerstehen – etwas, das letztendlich unmöglich ist.“ Zur hochkarätigen Besetzung ihres Ensembles gehören Weston Olencki an der Posaune, Julia Biłat am Cello, Nick Dunston am Bass, Maria Reich an der Violine, Joanna Mattrey an der Viola, Arne Braun an der Gitarre, Kit Downes an den Keyboards, Lesley Mok am Schlagzeug und Ludwig Wandinger an der Elektronik.
Line-up: Camila Nebbia – Tenorsaxofon, Komposition, Visuals
Weston Olencki – Posaune
Maria Reich – Violine
Joanna Mattrey – Viola
Julia Biłat – Violoncello
Nick Dunston – Kontrabass
Arne Braun – Gitarre
Kit Downes – Klavier, Orgel
Ludwig Wandinger – Elektronik
Lesley Mok – Schlagzeug
Andro Manzoni – Interaktive Visuals
Mit freundlicher Unterstützung durch den Musikfonds e. V.
20:00 Amir ElSaffar New Quartet
(GR, IQ, NO, US)
Während sich immer größere Teile der Jazz-Welt mit Mikrotonalität und unkonventionellen Stimmungen auseinandersetzen, sollte nicht vergessen werden, dass der US-amerikanische Trompeter Amir ElSaffar seit über zwei Jahrzehnten vergleichbare Ansätze pflegt. Nachdem er sich in seiner Jugend im Chicagoer Vorort Oak Park dem Jazz und der klassischen Musik gewidmet hatte, setzte er sich erst relativ spät mit seinem eigenen irakischen Hintergrund auseinander. Kurz vor Beginn des Irak-Kriegs im Jahr 2003 reiste er nach Bagdad, um sich intensiv mit dem irakischen Maqam zu beschäftigen, wobei sein Schwerpunkt auf Santur und Gesang lag. Nach seiner Rückkehr begann er, eine erstaunlich originelle Mischform zu entwickeln, indem er mit beeindruckender Konsequenz Post-Bop durch irakischen Maqam bereicherte. Im Laufe der Zeit erweiterte ElSaffar seine künstlerische Praxis um Kompositionen für Ensembles der zeitgenössischen Musik und beschäftigte sich intensiv mit elektronischer Klangerzeugung. Dennoch hat er sich nicht von seiner Vergangenheit abgekehrt, wie die Zusammenarbeit mit Pianist Cecil Taylor und Tourneen mit seinem Maqam-Mentor Hamid Al-Saadi beweisen.
Seine derzeitige Band entstand als Auftragswerk im Rahmen einer Kurzzeitresidenz im Berliner Pierre Boulez Saal, in dem die Gruppe ihr eindrucksvolles, im Jahr 2025 veröffentlichtes Debütalbum aufnahm. Das effektiv besetzte Quartett bietet die kompakteste und konzentrierteste Umsetzung von ElSaffars musikalischer Vision und verbindet nahtlos die Tonarten und Stimmungen des irakischen Maqam mit einem Post-Bop von außergewöhnlicher Raffinesse. An der Frontline wird er vom Saxofonisten Ole Mathisen begleitet, einem Mitstreiter der ersten Stunde. Gemeinsam haben sie eine fast schon telepathische Verbindung aufgebaut. Die Musik wird vom Schlagzeuger Tomas Fujiwara vorangetrieben, der Drive und klangliche Details in Einklang bringt. Zugleich brechen sich die Harmonien im Prisma der griechischen Pianistin Tania Giannouli, die ein umgestimmtes Instrument verwendet, um der Vision des Bandleaders gerecht zu werden.
Line-up: Amir ElSaffar – Trompete, Stimme
Tomas Fujiwara – Schlagzeug
Tania Giannouli – Mikrotonales Klavier
Ole Mathisen – Tenorsaxofon
21:30 Immanuel Wilkins Quartet
(US)
Im Jahr 2024 beschritt der Saxofonist Immanuel Wilkins mit dem Album Blues Blood, das von seiner Kindheit in Philadelphia inspiriert ist und sich mit der Diskriminierung und Gewalt gegenüber Schwarzen Menschen in den USA auseinandersetzt, neue Wege: Er zog eine Reihe ausdrucksstarker Sänger*innen hinzu, um sich durch die Linse der Erinnerung mit vorangegangenen Generationen auseinanderzusetzen. Es ist eine beeindruckende Studioproduktion von einem Musiker, dessen Schaffen von seiner Spontaneität lebt. So verwundert es auch nicht, dass er als darauffolgendes Projekt seine erste Live-Aufnahme veröffentlichte: ein dreiteiliges Set mit seiner Stammband im New Yorker Village Vanguard. Es ist weithin bekannt, dass es sich bei dem aus Philadelphia stammenden Musiker um eine der spannendsten und zugleich umsichtigsten Figuren der Jazzwelt handelt – eine old soul mit tiefer Leidenschaft für die Musik, die vor ihm kam, und doch ein Künstler, der von der Vergangenheit aus fest in die Zukunft blickt. Mit Unterstützung einer herausragenden, perfekt aufeinander eingespielten Band – Pianist Micah Thomas, Bassist Ryoma Takenaga und Schlagzeuger Kweku Sumbry – wollte der Saxofonist sein Publikum daran teilhaben lassen, wie das Quartett sein Repertoire an einem der heiligsten Orte der Musik durcharbeitet: jenem Jazzclub, in dem Saxofonisten wie Sonny Rollins, John Coltrane und Dexter Gordon – um nur drei von vielen zu nennen – einige ihrer wichtigsten Auftritte spielten.
Das Live-Album greift einige Stücke von seinem Debütalbum Omega auf, doch existieren von den meisten der in einigen Fällen bis zu zehn Jahre alten Titel bisher noch keine Aufnahmen. Eternal ist ein Lobgesang, der sein zartes Thema in hypnotischen Wiederholungen durchspielt und das Publikum in tranceartige Zustände zu versetzen vermag. Die Soul-Jazz-Anleihen von DOLLA$ zeigen, dass diese Band der alten Schule verpflichtet ist und dennoch nicht den leisesten Hauch von Nostalgie spüren lässt. Zudem enthält das Album eine ebenso mitreißende wie gefühlvolle Interpretation von Alice Coltranes Charanam , einem Stück aus ihrem zum Klassiker avancierten Spätwerk Turiya Sings . Doch mehr noch als jede einzelne Komposition unterstreicht die Aufnahme in ihrer Gesamtheit, was für eine dynamische Einheit dieses Quartett auf der Bühne bildet.
Line-up: Immanuel Wilkins – Altsaxofon
Micah Thomas – Klavier
Ryoma Takenaga – Kontrabass
Kweku Sumbry – Schlagzeug
Die klassisch ausgebildete Klarinettistin Shabnam Parvaresh verließ im Jahr 2014 ihre Heimat Iran, um sich am Institut für Musik der Hochschule Osnabrück ganz dem Studium des Jazz zu widmen. Sie blieb in der Stadt und gründete gemeinsam mit der E-Gitarristin Ula Martyn-Ellis und dem Schlagzeuger Philipp Buck ein wandlungsfähiges, durch und durch elektrisierendes Trio, das zwischen komplexer Fusion und stimmungsvollen Klangstudien changiert.
Sheen Trio: Transitory
(AU, DE, IR)
Unter der Leitung der iranischen Klarinettistin Shabnam Parvaresh spiegelt das Sheen Trio in seiner Musik eine Welt wider, die zahlreiche Krisen durchläuft und sich im ständigen Wandel befindet. Dabei schafft es Klänge, die von lyrischer Kontemplation bis hin zu schonungslosen, kantigen Exkursen reichen. Parvaresh wuchs in Iran auf, studierte klassische Musik und spielte später Klarinette im Teheraner Sinfonieorchester. Im Jahr 2014 zog sie wegen der politischen Unterdrückung in ihrem Heimatland und voller Neugier auf Jazz nach Deutschland. Sie studierte an der Hochschule Osnabrück und lebt bis heute in der Stadt. Parvaresh ist neben ihrer Arbeit als Musikerin auch als Kuratorin tätig und wurde kürzlich zur künstlerischen Leiterin des renommierten genreübergreifenden Morgenland Festivals Osnabrück berufen, das ein breites Spektrum globaler Musiken in den Fokus rückt und dabei ein Augenmerk auf die Gemeinsamkeiten unterschiedlicher Traditionen legt, anstatt diese als disparate Ansammlung von Kuriositäten zu präsentieren. Diesen ganzheitlichen Ansatz bringt sie auch in das Sheen Trio ein, zu dem die E-Gitarristin Ula Martyn-Ellis und der Schlagzeuger Philipp Buck gehören.
Im vergangenen Frühjahr veröffentlichte die Gruppe ihr zweites Album Transitory . Der Titel – auf Deutsch etwa „im Übergang begriffen“ oder „vergänglich“ – spiegelt die Biografie der Klarinettistin als Mensch zwischen sich wandelnden Realitäten wider, seien sie geografischer oder musikalischer Natur. Einige der Stücke zeichnen sich durch kreatives Chaos aus, wenn Schlagzeuger Buck in die Vollen geht und doch an einem beharrlichen Puls festhält, während Gitarrist Martyn-Ellis dabei hilft, die Verbindung zwischen Hard Rock und Fusion herzustellen. Andere Stücke vermitteln hingegen eine nachdenkliche Gelassenheit – sie sind ruhig, werden aber zugleich von einer unterschwelligen Spannung durchzogen. Parvareshs brummende Bassklarinette, deren Klangbild sie bisweilen durch Effektpedale erweitert, legt gelegentlich Bass-Patterns vor. Die Rollen bleiben jedoch flexibel: Die drei Mitglieder des Trios teilen sich die Aufgaben, spinnen Melodien und verdichten gemeinsam die rhythmische Dringlichkeit.
„Was wir Jazz nennen, ist ein klangliches Kontinuum. Es geht nicht nur um die Feier der Vergangenheit, sondern ebenso um die Hoffnung auf die Zukunft.“
– Anthony Braxton
Mit Anthony Braxton trifft eine prägende Persönlichkeit der zeitgenössischen, avantgardistischen Musik auf die nächste Generation von Jazzmusiker*innen. Im Rahmen eines mehrtägigen Workshops gewährt der visionäre Komponist und Multiinstrumentalist ca. 25 Studierenden des Jazz Institut Berlin (JIB) Einblicke in seine künstlerische Praxis. Das aus dem Workshop hervorgehende JIB Creative Music Orchestra wird ein von Braxton eigens für diesen Anlass komponiertes Werk erarbeiten und seine Improvisationssprache „Language Music“ erlernen. Braxtons Œuvre befindet sich in stetigem Wandel und wird kontinuierlich durch neue Konzepte und Ideen erweitert. Mit dem Konzert im Georg-Neumann-Saal des JIB setzt das JIB Creative Music Orchestra einen Höhepunkt der diesjährigen Jazzfest Community Week.
Anthony Braxton – Komponist, Saxofon
James Fei – Saxofon
Oleksandra Yaretyk – Tenorsaxofon
Julius Jahn – Tenorsaxofon
Bruno Bode – Altsaxofon
Roman Polatzky – Altsaxofon
Madeleine Ertel – Trompete
Agnes Hanson – Trompete
Jannis Lehner – Posaune
Tito (Umberto) Lopez – Posaune
Jonathan Woodruff – Posaune
Raphael Jaschke – Posaune
Pascal Jarchow – Kontrabass
Justin Remfrey – Kontrabass
Tino Ribeiro – Kontrabass
Hakim Azmi – Klavier
Oleksii Terekhov – Klavier
Rossano Snel – Klavier
Mia Cerno – Schlagzeug, Perkussion
Finn Seemann – Schlagzeug, Perkussion
Elene Vacheisshvii – Schlagzeug, Perkussion
Luis Wagener – Gitarre
Daniel Shachar – Gitarre
Yuma Shigesada – Violoncello
Barnaby Winter – Stimme
Vor dem Konzert wird der Film DREAM BABY DREAM (2026, 21 min) gezeigt.
Ausstellung: Anthony Braxton – Scores
29.10. ab 17:00, 30.10.–1.11. ab 17:30, Eintritt frei | Haus der Berliner Festspiele
Termin
Fr 30.10.2026, 20:00 | Eintritt frei! | Zum Angebot
Ort
Jazz-Institut
Georg-Neumann-Saal Einsteinufer 43-53
D-10587 Berlin
Wendy Eisenberg veröffentlicht seit über einem Jahrzehnt Musik, die sich gängigen Kategorien entzieht. Als ungemein vielseitige*r Gitarrist*in nimmt Eisenberg es mit einer Vielzahl von miteinander verschlungenen Traditionen auf: Freie Improvisation trifft auf Post-Bop, Art-Rock und mehr. Anstatt nebeneinander zu existieren, vereinen sich diese Einflüsse zu einer eindrucksvollen ästhetischen Bandbreite. Kurzum: Eisenberg ist keinem bestimmten Genre verpflichtet, sondern macht Musik. Und das wird auch beim Europadebüt des Wendy Eisenberg Quartets zu hören sein.
Wendy Eisenberg
(US)
Europapremiere
Wendy Eisenberg weigert sich, die Einschränkungen der Musikindustrie zu akzeptieren – und hat doch oder gerade deshalb als Sänger*in, Gitarrist*in, Komponist*in und Improvisationsmusiker*in von New York aus eine internationale Karriere aufbauen können. Eisenberg verpflichtet sich dabei nicht etwa einem bestimmten Genre, sondern der Musik an sich. Ob solo, an der Seite von Musiker*innen wie Ches Smith, David Grubbs und Caroline Davis oder als Mitglied des Bill Orcutt Guitar Quartets – Eisenberg bewegt sich unbekümmert zwischen freier Improvisation, Prog-Rock-Aggressivität, Fingerstyle-Picking, Post-Bop, Indie-Rock und klassischen Singer-Songwriter-Elementen. Manchmal ist ein bestimmtes Projekt einer gesonderten Facette gewidmet, in anderen Kontexten kombiniert Eisenberg unterschiedliche Elemente miteinander.
Anfang dieses Jahres erschien das Album Wendy Eisenberg , welches das Songwriting in den Mittelpunkt stellt. Nachdenkliche und bisweilen von bohrenden Fragen geleitete Lyrics werden darauf in ebenso elegante wie harmonisch anspruchsvolle und melodisch ausgefeilte Formen eingebettet. Beim ersten Hören klingt das nach Popmusik, ab dem zweiten Durchlauf offenbaren die zehn Stücke aber ihre Komplexität. Bei der Europapremiere des Albums wird Eisenberg von Schlagzeuger Ryan Sawyer, der bereits als Mitglied von Ensembles unter der Leitung von Nate Wooley beim Jazzfest Berlin aufgetreten ist, der auch unter dem Pseudonym more eaze aktiven Geigerin und Pedal-Steel-Virtuosin Mari Rubio sowie, speziell für diesen Auftritt, dem Bassisten Nick Dunston begleitet. Das Album strahlt eine betörende Heiterkeit aus, seine melodiösen Stücke sind voller überraschender Wendungen. Einige Songs greifen klassische Honky-Tonk-Formen auf, andere spielen auf den versierten Sound des Laurel-Canyon-Pop an. Jazz liefert dabei die Grundierung, auf der Eisenbergs sanfte Stimme die kreuz- und querlaufenden Melodien mit unfehlbarer tonaler Präzision ins Klangbild zeichnet.
Line-up: Wendy Eisenberg – Gitarre, Stimme
Mari Rubio – Violine
Nick Dunston – E-Bass
Ryan Sawyer – Schlagzeug
Im Anschluss: Jam-Session #1 mit Musiker*innen aus dem Programm des Jazzfest Berlin
23:45 | Quasimodo
Der japanische Allround-Künstler Otomo Yoshihide hat im Laufe seiner vier Jahrzehnte umspannenden Karriere ein gigantisches Gesamtwerk geschaffen. Neben seiner Arbeit als Filmkomponist hat er Noise-Musik produziert und als international tourender Improvisations-Musiker an Gitarre, Turntables und Electronics brilliert. Seine Liebe zum Jazz jedoch bildete stets den Mittelpunkt seines Schaffens. Mit dem New Jazz Quintet haucht er dem Jazz der 1960er-Jahre à la Coleman, Ayler und Dolphy neues Leben ein und verleiht ihm mit Eigenkompositionen eine zusätzliche feurige Note.
Otomo Yoshihide New Jazz Quintet
(JP)
Der japanische Musiker, Komponist und Bandleader Otomo Yoshihide ist ein echter Tausendsassa im Bereich der creative music . Als Künstler agiert er stilübergreifend und schreckt nicht davor zurück, mit Konventionen zu brechen, obwohl er musikalischen Traditionen mit tiefem Respekt begegnet. In den vergangenen drei Jahrzehnten hat er für zahlreiche japanische Filme und Fernsehsendungen Musik komponiert und zugleich Alben produziert, die von elektrisierendem Noise und wilden Improvisationen geprägt sind. Zu Beginn seiner Karriere studierte er bei Masayuki Takayanagi, einem der radikalsten und kompromisslosesten Gitarrist*innen der Jazzgeschichte. Doch hat er sich im Laufe seiner Karriere nie auf eine einzige Nische festgelegt.
2024 brachte Otomo seine eigenwillige Otomo Yoshihide Special Big Band zum Jazzfest Berlin und bestritt sowohl auf der Großen Bühne des Festspielhauses als auch im Stadtteil Moabit im Rahmen des Jazzfest Community Lab Moabit unvergessliche Auftritte, die ebenso unterhaltsam wie anspruchsvoll waren. Nun kehrt er mit dem von ihm seit langer Zeit geleiteten New Jazz Quintet zurück. Das Projekt spiegelt seine anhaltende Liebe zum Free Jazz der 1960er-Jahre wider, insbesondere zur Musik von Ornette Coleman und Eric Dolphy. Die Vorgehensweise der Band hat jedoch nichts Nostalgisches oder Vorhersehbares. Das New Jazz Quintet arbeitet mit einem begrenzten Repertoire, das Klassiker mit Eigenkompositionen vermischt, ganz zu schweigen von Jim O’Rourkes modernem Meisterwerk Eureka . Die Vertrautheit der Stücke ermöglicht es dem Ensemble, sich das Material auf tiefgründige Weise zu eigen zu machen und eine Studie der Kontraste anzufertigen. Sie verleihen den Formen und Arrangements eine atemberaubende Elastizität, offenbaren ständig neue Perspektiven und unerschlossene Möglichkeiten in ihrem Ausgangsmaterial und lassen krachende Klänge mit pompösen Blechbläsereinsätzen und schwungvollen Rhythmen kollidieren.
mit Musiker*innen aus dem Programm des Jazzfest Berlin
Wie bereits im vergangenen Jahr soll mit den Jam-Sessions im Quasimodo an eine alte Tradition des Jazzfest Berlin angeknüpft werden. Musiker*innen aus dem Festivalprogramm werden dazu eingeladen, bis tief in die Nacht in völlig neuen Konstellationen zusammenzukommen und in lockerer Atmosphäre gemeinsam zu improvisieren.
Zum Abschluss der Community Week lädt der Community Saturday zu einem vielseitigen Veranstaltungstag in Moabit ein. Den Auftakt bildet die alternative Stadtführung Entangled Histories , die von deSta – Dekoloniale Stadtführung gemeinsam mit dem Jazzfest Berlin entwickelt wurde. Anhand verschiedener Stationen im Stadtteil macht die zweistündige Tour koloniale Verflechtungen und ihre Nachwirkungen in die Gegenwart sichtbar.
„Ich glaube, dass wir eine bessere Welt für unsere zukünftigen Generationen schaffen können, wenn wir uns selbst und unsere Mitmenschen über die Geschichte und die kolonialen Kontinuitäten aufklären. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit kann schmerzhaft sein, ist aber absolut notwendig, um eine bessere Zukunft zu schaffen.“
Justice Mvemba, Gründerin von deSta – Dekoloniale Stadtführung
deSta – Dekoloniale Stadtführung bietet geführte Touren in Berlin an – mit dem Ziel, das Bewusstsein für koloniale Kontinuitäten zu schärfen und offene Diskussionen zu diesem Thema zu fördern. Das reguläre Angebot umfasst Führungen durch das Afrikanische Viertel in Berlin-Wedding, thematische Touren zu Schwarzem und queerem Feminismus in Schöneberg, zum Schwerpunkt Restitution sowie eine kolonialkritische Tour entlang von Berliner Sehenswürdigkeiten.
Dauer: circa 2 h
In deutscher Sprache
Eintritt frei, Anmeldung per E-Mail ab 17.9.2026
Der Treffpunkt wird nach der Anmeldung bekanntgegeben.
mit "UNDINI Uncut, Soundtrack to a Coup d’Etat" und Kiez-Session #5
Am Community Saturday findet in der KULTURFABRIK Moabit ein abwechslungsreiches Programm mit dem queeren Schattentheaterstück UNDINI Uncut, einer Kiez-Session und einem Screening des Oscar-nominierten Dokumentarfilms Soundtrack to a Coup d’Etat (2024) statt. Der Film thematisiert globale Machtstrukturen, antikoloniale Kämpfe und die Rolle der Jazzmusik in verschiedenen afrikanischen Staaten in den 1960er-Jahren.
Programm:
Fabriktheater, kleiner Saal | 16:00
Veranstaltungshinweis der KULTURFABRIK Moabit
UNDINI Uncut
Das zeitgenössische Schattentheaterstück UNDINI Uncut interpretiert das Märchen der kleinen Meerjungfrau aus einer queeren Perspektive neu. Dabei verbinden drei Performer*innen Elemente aus Zirkus, Tanz und Drag mit Live-Musik zu einer 45-minütigen Performance, in der sich die Meerjungfrau Undini auf eine Reise durch Schatten, Meer und die eigene Identität begibt.
Für Kinder ab vier Jahren und ihre Familien.
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Filmrausch | 17:00
Soundtrack to a Coup d’Etat (BE, FR, NL 2024, 150 min)
Ein Film von Johan Grimonprez
Mit einer kurzen Einführung von Justice Mvemba
OV mit englischen Untertiteln
In den 1960er-Jahren kämpften viele afrikanische Staaten um ihre Unabhängigkeit, während die USA und ihre westlichen Verbündeten versuchten, ihre Einflusssphäre und die Kontrolle über die reichen Bodenschätze des Kontinents zu sichern. Soundtrack to a Coup d’Etat von Johan Grimonprez, nominiert für den Oscar als bester Dokumentarfilm, erzählt vor diesem Hintergrund die Geschichte der Ermordung von Patrice Lumumba, des ersten demokratisch gewählten Premierministers des Kongo. Mit einer vielschichtigen Montage aus Archivmaterial und privaten Filmsequenzen zeigt der Essayfilm, wie eng Jazz, Kalter Krieg und koloniale Machtpolitik miteinander verflochten waren. Während die USA Jazzstars wie Louis Armstrong oder Nina Simone als kulturelle Botschafter*innen des Westens nach Afrika schickten, solidarisierten sich zeitgleich Persönlichkeiten wie Malcolm X und andere Jazzkünstler*innen mit den Unabhängigkeitsbewegungen. Das Ergebnis ist ein eindringlicher Blick auf internationale Einflussnahme und die bis heute spürbaren Folgen kolonialer Ausbeutung.
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Café of the KULTURFABRIK Moabit | 20:00
Kiez Session #5
Von Montag bis Samstag lädt das Jazzfest Berlin junge Musiker*innen ein, das Festival aktiv mitzugestalten. Studierende des Jazz Institut Berlin bespielen die Moabiter Nachbar*innenschaft mit kostenlosen Lunch-Konzerten und Kiez-Sessions, wobei letztere für alle musikalisch Interessierten zur aktiven Teilnahme geöffnet sind.
Line-up: Florian Pasche – Saxofon
Sebastian Pfeifer – Keyboard, Elektronik
Pascal Jarchow – Kontrabass
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Gespräch
Artist Talk
mit Laura Jurd, Rob Mazurek und Tomeka Reid
Mit ihren aktuellen Projekten schlagen die Musiker*innen Tomeka Reid, Rob Mazurek und Laura Jurd jeweils neue Kapitel ihres künstlerischen Schaffens auf. Ausgehend von Reids hochgelobtem Quartettalbum dance! skip! hop! , das bei der diesjährigen Festivalausgabe sein Berlin-Debüt feiert, dem Comeback des CHICAGO UNDERGROUND Duo mit Hyperglyph sowie Jurds bemerkenswertem neuen Quintett-Projekt Rites & Revelations sprechen die Künstler*innen mit Musikjournalist Peter Margasak und der Künstlerischen Leiterin des Jazzfest Berlin Nadin Deventer über ihre jüngsten musikalischen Arbeiten.
Mit Laura Jurd, Rob Mazurek und Tomeka Reid
Nadin Deventer, Peter Margasak – Moderation
Dauer: circa 45 min
Termin
Sa 31.10.2026, 17:30 | Eintritt frei!
Ort
Haus der Berliner Festspiele
Bornemann Bar Schaperstraße 24
D-10719 Berlin
Christian Lillinger // The Tomeka Reid Quartet // CHICAGO UNDERGROUND Duo
Der Samstagabend beginnt mit der Rückkehr des ambitionierten Projekts Open Form For Society von Schlagzeuger und Komponist Christian Lillinger. Sein straff organisiertes zehnfköpfiges Ensemble bewegt sich durch komplexe rhythmische und harmonische Strukturen, wobei nicht weniger als fünf Musiker*innen – Kaja Draksler, Cory Smythe, Georg Vogel, Elias Stemeseder und Anna D’Errico – den verschlungenen Kompositionen des Bandleaders auf Tasteninstrumenten nachspüren. Anfang dieses Jahres prophezeite der renommierte amerikanische Jazzkritiker Nate Chinen, dass 2026 als „das Jahr von Tomeka Reid“ in die Musikgeschichte eingehen würde. Die Cellistin und Komponistin aus Chicago ist bereits als Mitglied des Art Ensemble of Chicago, des Hemphill Stringtet und gemeinsam mit der Saxofonistin Angelika Niescier beim Jazzfest Berlin aufgetreten. dance! skip! hop! ist das vierte Album ihres seit über einem Jahrzehnt aktiven Quartetts, zu dem auch Gitarristin Mary Halvorson gehört. Es macht erneut deutlich, warum Reid zu den herausragenden Protagonist*innen der globalen Jazzszene gehört. Der Abend endet mit einem garantiert mitreißenden Auftritt des CHICAGO UNDERGROUND Duo. Unter diesem Namen betreiben Trompeter Rob Mazurek und Schlagzeuger Chad Taylor seit geraumer Zeit produktive Klangforschung.
18:30 Christian Lillinger’s Open Form For Society II
(AT, DE, IT, NO, SE, SI, US)
Uraufführung
Im Jahr 2019 präsentierte der Schlagzeuger Christian Lillinger die erst zweite Aufführung seines ambitionierten Projekts Open Form For Society beim Jazzfest Berlin. Diese wie auch die bei der diesjährigen Festivalausgabe vorgestellte neue Iteration bauen auf vielen der theoretischen Grundlagen seines langjährigen Trios mit dem Vibrafonisten Christopher Dell und dem Bassisten Jonas Westergaard auf und erweitern sie zu einer panoramischen Rundumschau. Im Trio entstehen komplexe Polyrhythmen und kontrapunktische Melodiefiguren aus sich endlos wandelnden, einander überkreuzenden Linien – eine Form der Improvisation, die in unzähligen Stunden des Probens und der Recherche verwurzelt ist und eine stabile Grundlage für kollektive Spontaneität bildet. Im Rahmen von Open Form For Society arbeitet Lillinger mit einigen seiner engsten Mitstreiter*innen zusammen, um spezifische instrumentale Stimmen auf streng ausgearbeiteten Kompositionen zu vervielfachen. Er selbst spricht von einer „radikal verdichteten Form von Kammermusik“. Tatsächlich sind die Rhythmen straff und die Intervalle eng. Dermaßen viele Stimmen innerhalb dieser Grenzen zu konzentrieren, ist fraglos ein gewagtes Unterfangen – erfordert es doch von den Musiker*innen, aufmerksam zuzuhören und wie die Teile eines Organismus zusammenzuwirken.
Lillinger stellt sich noch einer weiteren Herausforderung. Anstatt eine eher konventionelle Band zusammenzustellen, bringt er mehrere Exemplare verschiedener Instrumente zum Einsatz. Zum Ensemble gehören fünf ebenso eigenwillige wie hervorragende Tastenmusiker*innen: Kaja Draksler, Cory Smythe, Georg Vogel, Elias Stemeseder und Anna D’Errico. Ergänzt werden sie von Westergaard, Ole Morten Vågan und Petter Eldh am Bass, der teilweise mikrotonal gespielt und gelegentlich elektronisch bearbeitet wird. Die Gruppe wird die Weltpremiere von Musik aus ihrem bemerkenswerten zweiten Album Open Form For Society II geben, auf dem die atemberaubende Darbietung auf enger Zusammenarbeit und interaktivem Zuhören beruht.
Line-up: Anna D’Errico – Klavier
Cory Smythe – Klavier
Kaja Draksler – Celesta, Klavier
Elias Stemeseder – Spinett, Synthesizer
Georg Vogel – E-Claviton
Petter Eldh – Kontrabass, E-Bass
Jonas Westergaard – Kontrabass
Ole Morten Vågan – Kontrabass
Christopher Dell – Vibrafon
Christian Lillinger – Komposition, Konzept, Schlagzeug, Elektronik
20:00 The Tomeka Reid Quartet: dance! skip! hop!
(US)
Die Komponistin, Improvisationsmusikerin und Cellistin Tomeka Reid aus Chicago hat einen stetigen Aufstieg erlebt, seitdem sie sich erstmals vor zweieinhalb Jahrzehnten als enge Mitstreiterin der Flötistin Nicole Mitchell einen Namen machte. Zwar hinterließen ihre gemeinsamen Projekte mit Künstler*innen wie Craig Taborn, James Brandon Lewis, Myra Melford, Mike Reed und Dave Douglas einen bleibenden Eindruck, doch erst mit ihrem brillanten Quartett brachte die Bandleaderin das gesamte Spektrum ihrer künstlerischen Ausdrucksformen voll zur Geltung. Zusammen mit Gitarristin Mary Halvorson, Bassist Jason Roebke und Schlagzeuger Tomas Fujiwara entsteht ein warmer, von Saiteninstrumenten geprägter Klang, wie er der Bandleaderin besonders am Herzen liegt – seit dem Jahr 2013 organisiert sie den Chicago Jazz String Summit, um die Kunst der Improvisation in dieser oft vernachlässigten Instrumentenfamilie zu fördern.
Beim Jazzfest Berlin feiert Reid das Berlin-Debüt von dance! skip! hop!, dem vierten Album ihres Quartetts. Diese neueste, von der Kritik hochgelobte Veröffentlichung unterstreicht das Talent der Cellistin, klangvolle, beschwingte Melodien zu schaffen. Zugleich offenbart es die wachsende Dringlichkeit und Durchschlagskraft ihrer Kompositionen – Eigenschaften, die von ihren vielseitigen, unverwechselbaren Bandkolleg*innen gekonnt unterstrichen werden. Ihnen lässt Reid wiederum viel kreativen Freiraum, wenngleich der mitreißende Sound ganz und gar ihr eigener ist, einschließlich der gestrichenen Soli von exquisiter Schönheit und des packenden Begleitspiels, welches das dynamische Miteinander der Gruppe vorantreibt.
Line-up: Tomeka Reid – Violoncello
Jason Roebke – Kontrabass
Tomas Fujiwara – Schlagzeug
Mary Halvorson – Gitarre
21:30 CHICAGO UNDERGROUND Duo
(US)
Sowohl der Trompeter Rob Mazurek als auch der Schlagzeuger Chad Taylor sind bereits in verschiedenen Konstellationen beim Jazzfest Berlin aufgetreten, doch erst dieser Auftritt markiert das längst überfällige Festivaldebüt ihres langjährigen Projekts CHICAGO UNDERGROUND Duo. Seit der Veröffentlichung von 12° of Freedom im Jahr 1998 hat das Duo stets nach neuen Ausdrucksformen für die Vermittlung von Rhythmus und Melodie gesucht. Das aufgeschlossene Ethos Don Cherrys bleibt dabei eine zentrale Inspirationsquelle, sei es im Kontext seiner Arbeit mit dem Schlagzeuger Ed Blackwell oder in der stilübergreifenden Praxis seiner Organic Music Society. Im vergangenen Jahr veröffentlichten Mazurek und Taylor das bemerkenswerte Album Hyperglyph , ihr erstes seit elf Jahren. Es schlug ein weiteres spannendes Kapitel in der wandlungsreichen Geschichte des Duos auf.
Nie zuvor hat das Duo dermaßen groovende und durchdringende Musik abgeliefert. Die eindrücklichsten Beispiele finden sich im treibenden Titelstück, in dem der Trompeter neben feurigen Bläserimprovisationen und satten Akkorden auf einem RMI-E-Piano – einem zentralen Instrument in der elektrischen Phase von Miles Davis – einen Urschrei entfesselt, sowie im eindringlichen Getrommel von Contents of Your Heavenly Body , das die Grundlage für einen temperamentvollen Monolog Mazureks bildet. Andere Stücke donnern auf futuristischen Synth-Bass-Ostinati dahin, während Taylor mit seinen kaskadenartigen Kalimba- und Mbira-Patterns sogar auf afrikanische Traditionen zurückgreift. Viele der Stücke bedienen sich zyklischer Muster – rhythmische Spielzüge mit hypnotisierender Wirkung, während derer die Musiker ihre Improvisationen auf den Grooves aufbauen und sie so mit deren geschmeidiger Treibkraft verschmelzen lassen. Eine für Mazureks Mentor und engen Mitstreiter Bill Dixon geschriebene Suite verzichtet hingegen weitgehend auf Elektronik zugunsten eines intensiven Wechselspiels von Mensch zu Mensch.
Line-up: Rob Mazurek – Piccolotrompete, Elektronik, Stimme
Chad Taylor – Schlagzeug
Das transatlantische Quartett ¡ Ya voy ! hat sich einer mitreißenden Interpretation folkloristischer Musiktraditionen von der südamerikanischen Pazifikküste verschrieben. Im Mittelpunkt der Gruppe stehen die Sängerin Alejandra Charry und der Perkussionist Moises Zamora Mezù, die beide gemeinsam in demselben kolumbianischen Dorf aufgewachsen sind. Erweitert und vertieft werden ihre packenden Grooves und experimentellen improvisatorischen Ansätze, die sich keiner bestimmten musikalischen Tradition unterwerfen, von Saxofonistin Sakina Abdou und Bassist Thibault Cellier.
¡ Ya voy !: Miraflores
(CO, FR)
Deutschlandpremiere
Zum temperamentvollen Quartett ¡ Ya voy ! gehören zwei der herausragendsten Persönlichkeiten der französischen Improvisationsmusik: die Saxofonistin Sakina Abdou, die beim Jazzfest Berlin 2025 ein fesselndes Solokonzert gab, und der Kontrabassist Thibault Cellier, der als Mitglied von Joachim Kühns French Trio 2024 beim Festival zu erleben war. ¡ Ya voy ! orientiert sich allerdings auch an den traditionellen Musikformen, mit denen die anderen beiden Mitglieder aufgewachsen sind: Sängerin Alejandra Charry und der Perkussionist und Marimbaspieler Moises Zamora Mezù kommen beide aus dem Dorf El Cabuyal, das im Departamento Valle del Cauca an der kolumbianischen Pazifikküste liegt. Sie zog bereits im Jahr 2004 nach Frankreich, er blieb in seiner Heimat – beim Hören der Musik der Gruppe wird ihre lebenslange Verbundenheit spürbar. Diese wurzelt in einem geteilten kulturellen Hintergrund, der weniger von den ansonsten in Kolumbien dominanten Stilen wie der Cumbia oder der Salsa geprägt wird: An der Westküste des Landes, wo mehr als 80 verschiedene Rhythmen gepflegt werden, stellt die Marimba eines der zentralen Instrumente dar. Auf Grundlage dieser musikalischen Traditionen sorgt Charrys dynamischer Gesang für ebenso viel Schwung wie Melodie. So beschwört die Band bisweilen den Geist der großen Totó la Momposina herauf, die im Mai dieses Jahres im Alter von 85 Jahren verstorben ist.
Doch obwohl ¡ Ya voy ! in diesen Traditionen verwurzelt ist, schafft sich die Band dank der experimentierfreudigen Herangehensweise von Abdou und Cellier einen ganz eigenen Raum. Den französischen Musiker*innen gelingt es, die unerschütterlichen Grooves mit kompromisslos abenteuerlichen Improvisationen aufzubrechen, die von kraftvollen Bass-Ostinati getragen werden. Abdou erweitert ihr Saxofonspiel mit Flötenklängen, die an kolumbianische Spielweisen anknüpfen, während Cellier eine Art Bindeglied darstellt: Seine hypnotischen Basslines schlagen eine Brücke zwischen folkloristischen Mustern und avantgardistischen Ansätzen. Das Quartett zeichnet sich durch eben diese Verschmelzung unterschiedlicher Traditionen aus: Sie erschaffen eine Musik, die folkloristische kolumbianische Formen in sich aufnimmt und zugleich weiterdenkt; die sich zu allen Seiten öffnet und dabei von der Freude an der Gemeinschaftlichkeit getragen wird.
Der norwegische Bassist Ingebrigt Håker Flaten ist ein Musiker von bemerkenswerter Vielseitigkeit und Energie. Als gemeinschaftsorientierte Szene-Persönlichkeit vernetzt er regelmäßig Musiker*innen aus der ganzen Welt miteinander. Seine Gruppe The Young Mothers deckt bereits ein weites stilistisches Spektrum ab und stellte das auch beim letztjährigen Jazzfest Berlin mit einem mitreißenden Auftritt unter Beweis. Doch keine andere seiner Bands vermittelt die Bandbreite der tiefen Verwurzelung im Jazz so prägnant wie (Exit) Knarr, zu der unter anderem die in Berlin lebende Pianistin Marta Warelis, der US-amerikanische Gitarrist Jonathan F. Horne und die dänische Saxofonistin Amalie Dahl gehören.
Ingebrigt Håker Flaten (Exit) Knarr
(DK, NO, PL, US)
Deutschlandpremiere
Seit nunmehr drei Jahrzehnten beweist sich der norwegische Bassist Ingebrigt Håker Flaten als wahre Naturgewalt an seinem Instrument. Als außergewöhnlich vielseitiger und energetischer Musiker hat er über die Jahre hinweg den Puls und die harmonische Struktur einiger der größten skandinavischen Ensembles bestimmt, darunter Element, Atomic und The Thing. Er ließ sich Zeit damit, auch zum Komponisten und Bandleader zu avancieren: Erst nach seinem Umzug in die texanische Stadt Austin wurden die ausgesprochen vielseitigen The Young Mothers, die in den Jahren 2019 und 2025 auch beim Jazzfest Berlin auftraten, zur ersten Band unter seiner Führung. Sein Ehrgeiz als Komponist offenbarte sich vollends, als er die Band (Exit) Knaar ins Leben rief. Das Ensemble wurde im Jahr 2020 nach einem Auftrag des Festivals Vossa Jazz in Norwegen gegründet und hat seitdem eine Reihe von Veränderungen durchlaufen.
Nach zahlreichen Besetzungswechseln hat die Band als eine gut geölte Maschine zusammengefunden, die dennoch jede Menge Seele zu bieten hat. Die Kompositionen des Bassisten werden von einer vielseitig informierten Sensibilität durchwirkt – einer tiefen Liebe zu allen möglichen Arten von Musik. Durch das Prisma des Jazz werden so verschiedene Einflüsse miteinander in Kompositionen kombiniert, die von ihren sprunghaften und abenteuerlichen Wendungen leben. Zusammen mit der in Berlin lebenden polnischen Pianistin Marta Warelis, der zuletzt im Vorjahr mit ihrem Projekt Dafnie EXTENDED beim Jazzfest Berlin gastierenden und mittlerweile in Oslo ansässigen dänischen Saxofonistin Amalie Dahl, dem US-amerikanischen Gitarristen Jonathan F. Horne sowie den norwegischen Musikern Olaf Olsen (Schlagzeug), Karl Hjalmar Nyberg (Tenorsaxofon und Elektronik) sowie Karl Bjorå (Gitarre) hat Flaten eine eingespielte Post-Bop-Band um sich geschart. Sie schreckt nicht davor zurück, wilde improvisatorische Ausflüge zu unternehmen, die Wucht des Hardrock anzuzapfen und wie verrückt zu swingen. Der Antrieb des Bandleaders erinnert an niemand Geringeren als den großen Charles Mingus und erzeugt einen kräftigen Drive, dem doch stets eine spürbare Eleganz und Gelassenheit innewohnt.
Line-up: Amalie Dahl – Altsaxofon
Karl Hjalmar Nyberg – Tenorsaxofon, Elektronik
Marta Warelis – Klavier, Elektronik
Jonathan F. Horne – Gitarre
Karl Bjorå – Gitarre
Ingebrigt Håker Flaten – Kontrabass
Olaf Olsen – Schlagzeug
Im Anschluss: Jam-Session #2 mit Musiker*innen aus dem Programm des Jazzfest Berlin
23:45 | Quasimodo
Die britische Trompeterin Laura Jurd trat im Jahr 2015 mit ihrer ersten Band Dinosaur beim Jazzfest Berlin auf, damals war sie gerade einmal 24 Jahre alt. Seitdem hat sich ihre Musik beständig weiterentwickelt. In diesem Jahr präsentiert sie ihr neues Album Rites & Revelations. Im Quintettformat erkundet sie darauf die lyrischen Verbindungen zwischen britischen und irischen Folk-Traditionen und den vielfältigen Ausdrucksformen des Post-Bop.
Laura Jurd: Rites & Revelations
(GB, IE)
Die erfahrene britische Trompeterin Laura Jurd schöpfte für ihr bemerkenswertes Album Rites & Revelations tief aus ihrem kulturellen Erbe. Die im Vorjahr veröffentlichte Platte verwebt Post-Bop nahtlos mit britischen und irischen Folk-Traditionen. Zu dem Quintett, mit dem die Bandleaderin das Album beim Jazzfest Berlin 2026 vorstellt, gehören Simon Jermyn am Bass und Corrie Dick am Schlagzeug, die berauschende, elastische Rhythmen formen, welche dem Material Raum zum Atmen und zur Verwandlung geben. In der Frontline wird die Trompeterin vom irischen Folk-Fiedler Ultan O’Brien an der Violine und Bratsche sowie der bemerkenswerten jungen Gitarristin Tara Cunningham unterstützt.
Jurd machte sich zuerst als Leaderin der gefeierten Band Dinosaur einen Namen und hat ihre musikalischen Ausdrucksformen in den vergangenen Jahren immer wieder neu gestaltet. Zuletzt ist sie von London in die ländlichere Umgebung von Somerset gezogen. Improvisation und die inhärenten Dynamiken von kleinen Gruppen prägen ihre Musik weiterhin, doch hebt die Band jegliche Grenzen zwischen den verschiedenen Stilen auf. Weil die meisten Folk-Traditionen in der Regel stark auf Improvisation setzen, wirkt dieses neuerliche Miteinander weniger wie eine Hybridisierung als vielmehr wie eine doppelte Erweiterung in beide Richtungen. Tatsächlich fühlt sich das klassische Blues-Stück St. James Infirmary in ihrer Interpretation wie ein fester Bestandteil des britischen Folk-Kanons an und bringt dank der explosiven Arbeit der Rhythmussektion die flammende Intensität von Jurds mitreißendem Solo voll zur Geltung. Viele Musiker*innen setzen sich mit Folk auseinander und nicht wenige schlagen darin Wurzeln. Den wenigsten Jazzkünstler*innen gelingt allerdings eine dermaßen ausgetüftelte Synthese, wie Jurd sie mit bemerkenswerter Leichtigkeit zu entwickeln vermag.
Line-up: Laura Jurd – Trompete
Ultan O’Brien – Viola
Tara Cunningham – Gitarre
Simon Jermyn – E-Bass
Corrie Dick – Schlagzeug
Artist Talk mit Laura Jurd, Rob Mazurek und Tomeka Reid
17:30 | Haus der Berliner Festspiele, Bornemann Bar
in Anwesenheit der Regisseurin, vorab: DREAM BABY DREAM
Doppelscreening am Sonntagmorgen: Der experimentelle Kurzfilm DREAM BABY DREAM , der im Rahmen des Jazzfest Berlin 2025 gemeinsam mit 60 Berliner Akteur*innen realisiert wurde, trifft auf das filmische Porträt Being Hipp , das die Geschichte der Jazzpianistin Jutta Hipp erzählt und zugleich ein Panorama der transatlantischen Jazzkultur in einer Zeit des Umbruchs entfaltet.
Vorabfilm: DREAM BABY DREAM
Ein Film von Andrés Aguiló, Lina Ashour, Frederik Britzlmair, Nadin Deventer, Joel Grip, Andrés Hilarión, Chris Jonas, Nelly Thea Köster, Cal Ola und Ahmed Shah
DE 2026, 21 min
Eine Produktion von Jazzfest Berlin / Berliner Festspiele
In verschiedenen Sprachen mit englischen Untertiteln
60 Berliner Akteur*innen, darunter Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Künstler*innen aus unterschiedlichen Disziplinen, erkunden in diesem experimentellen Kurzfilm durch Musik, Bewegung und Poesie zentrale Fragen unserer Gegenwart. Das Projekt wurde im Herbst 2025 von einem zehnköpfigen Creative Team entwickelt und während der Jazzfest Community Week in Berlin gedreht. Der Film feierte im April 2026 seine Premiere in Washington, D.C., wo er mit dem IN Series Counterpoint Award ausgezeichnet wurde, und war seitdem bei über zwanzig Screenings auf Musik- und Filmfestivals im In- und Ausland zu sehen.
Being Hipp – First Lady of European Jazz
Ein Film von Anna Schmidt
in Anwesenheit der Regisseurin
DE 2025, 52 min
Koproduktion mit MDR und BR für ARTE
In deutscher Sprache mit englischen Untertiteln
Being Hipp – First Lady of European Jazz folgt dem außergewöhnlichen Lebensweg der Jazzpianistin Jutta Hipp zwischen Deutschland und New York und zeichnet das Porträt einer Musikerin, die sich in den 1950er-Jahren in einer männerdominierten Szene behaupten musste. Hipp war die erste europäische Frau, die einen Plattenvertrag bei Blue Note Records erhielt. Als Künstlerin wurde sie von der Presse gefeiert und von ihren Kolleg*innen verehrt. Trotzdem verstummte sie nach wenigen Jahren, verließ die Bühne und arbeitete fortan anonym in einer Textilfabrik im New Yorker Stadtteil Queens.
Legendäre Jazzgrößen wie David Amram, Lou Donaldson und Sheila Jordan, die Jutta Hipp noch persönlich kannten, erinnern sich im Film an eine Musikerin voller Talent, Charisma und Widerspruch. Ihre Biografin Ilona Haberkamp teilt bisher unveröffentlichtes Archivmaterial, Clara Haberkamp interpretiert Hipps Musik neu und die renommierte Harvard-Professorin Ingrid Monson analysiert die politischen und kulturellen Spannungsfelder, in denen sich Hipp bewegte.
Der Kölner Posaunist Matthias Muche ist nicht nur ein virtuoser Musiker, sondern auch ein visionärer Komponist. Er hat erkannt, welche vielfältigen klanglichen und harmonischen Möglichkeiten sich ergeben, wenn zwölf Posaunen gemeinsam erklingen. Im Rahmen von BONECRUSHER erkundet er das Miteinander von sorgfältig kontrollierten, geschichteten Drones, dynamischem Kontrapunkt und ausgelassenen Bläsereinsätzen. Das Ensemble agiert dabei wie ein einziger, vielgliedriger Organismus, der in der Lage ist, mehrere spannende Handlungsstränge zur selben Zeit im Gleichgewicht zueinander zu halten. Beim Jazzfest Berlin wird der Klang der Gruppe durch die hallenden Räumlichkeiten der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche verstärkt und bereichert.
Der Kölner Musiker Matthias Muche wechselt mühelos zwischen zeitgenössischer Komposition und freier Improvisation. BONECRUSHER ist ein außergewöhnliches Orchester, das sich unter seiner Leitung auf ein einziges Instrument konzentriert: die gemeinhin als überschwänglich, forsch und laut geltende Posaune. Unter Muche schafft die Gruppe eine breite Palette unerwarteter Klänge und Ansätze. Sie verzichtet dabei auf konkrete Bezüge zu Militärkapellen oder den musikalischen Traditionen der Begräbnisparaden in New Orleans. Dem Bandleader zufolge setzt sich die Musik mit „der Posaune als großem kollektiven Instrument auseinander, das zwischen Atem, Geräusch, mikrotonalen Harmoniefeldern, dichten Blechbläsertexturen und sich wandelnden Klangmassen vermittelt“.
Bei ihrem Jazzfest-Berlin-Debüt wird die Gruppe Musik von ihrem atemberaubenden diesjährigen Album Densities aufführen und die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche mit einem volltönenden, körperlich greifbaren Klang erfüllen. Muches Butter ist ein dichtes Drone-Stück, das von zirkulären, unaufhörlichen Wirbeln durchzogen wird. Das episodische Quarter hingegen generiert ständig neue Melodien als scheinbar unaufhörliches Aufblühen und Entfalten verschiedener gewundener Gesten und sich wandelnder Harmonien. Das karge Up+Down , eine Komposition des Berliner Posaunisten und Ensemblemitglieds Matthias Müller, ist eine fieberhafte Studie über mikrotonale Glissandi – gebündelte Töne, die subtilen Verschiebungen ausgesetzt werden. Zudem haben Muche und Müller zusammen mit dem Chicagoer Posaunisten Jeb Bishop das klassische Mehrspur-Tonbandstück Brass / Breath / Brisk von Johannes Bauer in ein vielschichtiges Geflecht aus komplexem Zusammenspiel, dichten Akkorden und solistischen Exkursionen verwandelt. Etienne Nillesen und Rie Watanabe verleihen diesem Stück an der Percussion zusätzliche martialische Rhythmen, während ihre erweiterten Spieltechniken dem Getöse an anderer Stelle noch mehr Resonanz und Textur hinzufügen.
Line-up: Matthias Muche – Posaune, Komposition, Künstlerische Leitung
Matthias Müller – Posaune, Komposition
Adrian Prost – Posaune
Carlotta Armbruster – Posaune
Anke Lucks – Posaune
Maria Trautmann – Posaune
Matthias Schuller – Posaune
Maximilian Wehner – Posaune
Moritz Anthes – Posaune
Moritz Wesp – Posaune
Yoshiki Matsuura – Posaune
Etienne Nillesen – Snare Drum
Rie Watanabe – Perkussion
Mit freundlicher Unterstützung durch die Kunststiftung NRW und das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen
mit George Lewis, Alexander von Schlippenbach und Aki Takase
60 Jahre nach seinem Debüt bei den damaligen Berliner Jazztagen kehrt das Globe Unity Orchestra mit einer besonderen Besetzung zum Jazzfest Berlin zurück: Mit Alexander von Schlippenbach, George Lewis und Aki Takase kommen drei prägende Musiker*innenpersönlichkeiten mit Journalist Peter Margasak und der Künstlerischen Leiterin des Jazzfest Berlin Nadin Deventer zusammen, um über das künstlerische Schaffen des Ensembles und seine Bedeutung für die Musikgeschichte zu sprechen.
Mit George Lewis, Alexander von Schlippenbach und Aki Takase
Nadin Deventer, Peter Margasak – Moderation
Dauer: circa 45 min
Termin
So 1.11.2026, 17:30 | Eintritt frei!
Ort
Berliner Festspiele
Bornemann Bar Schaperstraße 24
D-10719 Berlin
Der in Wien ansässige Pianist Georg Graewe kehrt endlich wieder zum Jazzfest Berlin zurück – mit einem relativ neuen All-Star-Trio, das er gemeinsam mit Schlagzeuger Hamid Drake und Bassist Brad Jones bildet. Ihr packendes Debütalbum dokumentiert einen Auftritt der Gruppe beim Festival Konfrontationen in Nickelsdorf im Jahr 2024, wo sich ihr erstes Zusammentreffen zu einem musikalischen Feuerwerk entwickelte. Die indisch-US-amerikanische Sängerin ganavya wird bei ihrem Debüt beim Jazzfest Berlin eine ganz andere Atmosphäre entfalten. Ihre jüngsten Alben setzen auf eine nahezu magische Mischung aus Jazzharmonien, fließender Improvisation und südasiatischen Andachtstraditionen, deren herzliche Großzügigkeit und emotionale Präzision sich in ihrem vollen Umfang am besten live erleben lassen. Der Abend endet mit einer herausragenden, generationenübergreifenden Besetzung des legendären Globe Unity Orchestra um Pianist Alexander von Schlippenbach. Der Auftritt beim Jazzfest Berlin 2026 feiert das 60-jährige Bestehen des Ensembles, erstmals mit einem vierhändigen Klavierstück zwischen dem Bandleader und der großartigen Aki Takase sowie mit einem der selten gewordenen Auftritte des Komponisten George Lewis an der Posaune.
18:30 Graewe / Jones / Drake
(DE, US)
Deutschlandpremiere
Der Pianist Georg Graewe gehört zu den Schlüsselfiguren der deutschen Free-Jazz-Geschichte. Als unermüdlicher Entdecker hat er sich in seiner fast sechs Jahrzehnte währenden Karriere nie auf eine einzige Spielweise oder Denkschule festgelegt. Seine frühe Liebe zum Progressive Rock führte ihn und seine Bandkollegen bald zum Free Jazz. Mitte der 1970er-Jahre veröffentlichte sein Quintett zwei bemerkenswerte Alben beim legendären Label FMP – beides sträflich vernachlässigte Juwelen, die das doppelte Interesse des Pianisten an struktureller Strenge und grenzenloser Improvisation dokumentieren. In den folgenden Jahrzehnten leitete er eine Vielzahl unterschiedlicher Projekte, darunter ein wegweisendes Kammertrio mit dem Cellisten Ernst Reijseger und dem Schlagzeuger Gerry Hemingway sowie eine Reihe von Großensembles, die die Prinzipien des Free Jazz zunehmend in die zeitgenössische Musik einbrachten.
Sowohl im GrubenKlangOrchester als auch im jüngeren Sonic Fiction Orchestra konzentriert sich Graewe zunehmend auf ausgedehnte Kompositionen, bei denen aufwendig ausgearbeitete Partituren durch sorgfältig geplante Improvisationen belebt und erweitert werden, ohne dass sich die Musiker*innen an etablierten stilistischen Sprachen orientieren. Doch so sehr sich der Pianist auch komplexeren, kompositionsbasierten Werken verschrieben hat: Er bleibt ein beeindruckender Improvisationsmusiker. Das bewies auch sein erstmaliges Zusammentreffen mit dem Chicagoer Schlagzeuger Hamid Drake und dem in Lissabon lebenden US-amerikanischen Bassisten Brad Jones beim Festival Konfrontationen in Nickelsdorf im Jahr 2024. Diese bei 35 Grad eingespielte Session wurde später unter dem Titel More Than Anything veröffentlicht. Graewe hatte bereits mit dem Schlagzeuger zusammengearbeitet, als er im Jahr 1997 für eine Weile in Chicago lebte und dort eine bemerkenswerte Band gründete: ein Quartett mit Drake, Frank Gratkowski und Kent Kessler. Als er sich an diesem heißen Julitag in Österreich wieder mit Drake zusammentat und zum ersten Mal auf Jones traf, kam das Trio sofort in Fahrt. Die Gruppe lieferte eine fesselnde Darbietung, die sich durch atemberaubende Höhen und Tiefen schlängelte – ein Paradebeispiel für meisterhafte Free-Jazz-Intensität.
Line-up: Georg Graewe – Klavier
Brad Jones – Kontrabass
Hamid Drake – Schlagzeug, Rahmentrommel, Stimme
20:00 ganavya
(AT, DE, US)
Es gibt wohl kaum eine andere Musikerin, die das künstlerische Schaffen der großartigen Alice Coltrane mehr würdigt und konsequenter weiterdenkt als die mittlerweile in Berlin ansässige indisch-US-amerikanische Sängerin ganavya. Aus der Erkenntnis heraus, dass Improvisation das verbindende Element beider musikalischer Traditionen ist, löst die Sängerin und Komponistin seit geraumer Zeit die Grenzen zwischen Jazz und südasiatischen Andachtstraditionen auf. Über Jahre hinweg brachte sie ihre Studien der Ethnomusikologie und der kritischen Gesellschaftsanalyse – unter anderem bei Vijay Iyer in Yale – mit Auftritten an der Seite unterschiedlichster Musiker*innen in Einklang. Doch ein gemeinsamer Auftritt mit der geheimnisvollen britischen R&B-Band Sault im Dezember 2023 in London markierte einen entscheidenden Wendepunkt in ihrer Karriere. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits die Aufmerksamkeit von Shabaka Hutchings auf sich gezogen, der ihr atemberaubendes Album like the sky, I’ve been too quiet aus dem Jahr 2024 auf seinem Label Native Rebel veröffentlichte. Zwei weitere Alben folgten anschließend bei LEITER, dem Label des Pianisten Nils Frahm.
ganavyas Stimme entzieht sich analytischen Kategorien. Sie ist eine warme, fließende Energie, die die weichen Konturen ihrer Lieder sanft umschmeichelt und sich zwischen ihnen hin und her bewegt. Auf ihren Alben ist eine Vielzahl herausragender Musiker*innen zu hören, im Live-Setting wird sie jedoch nur von Harfe und Kontrabass begleitet, die die schlanken Strukturen und luftigen Harmonien mit kaskadenartigen Arpeggios nachzeichnen. Das gibt ganavyas Stimme und Bühnenpräsenz den Raum, ihre volle Wirkung zu entfalten. Die Musikerin scheint ganz in der Musik aufzugehen: Melodien entsteigen sanft und großzügig ihrer Vorstellungskraft. Zugleich sind die Klänge untrennbar mit dem Publikum verbunden. ganavya erzählt von ihrer Musik, als wäre sie eine enge Freundin aller, die sich zum Zuhören um sie versammelt haben.
Der Pianist Alexander von Schlippenbach blickt auf eine glorreiche Geschichte mit dem Jazzfest Berlin zurück, die sich über Jahrzehnte erstreckt. Tatsächlich wurde er bereits im Jahr 1966 von Joachim-Ernst Berendt, dem ersten künstlerischen Leiter des damals noch unter dem Namen Berliner Jazztage laufenden Festivals, beauftragt, eine mehrköpfige Improvisationsgruppe zu gründen. Diese Anfrage führte zur Gründung des Globe Unity Orchestra. Seitdem versucht das Ensemble auf immer neue Weisen, das Unbeschreibliche in die Tat umzusetzen – die schwer fassbare Kreativität der freien Improvisation. Der Pianist hat immer wieder Musiker*innen aus aller Welt um sich geschart, die sein Streben nach einer Choreografie der Spontaneität teilen. Dieser unermüdliche Einsatz hat ihm dabei geholfen, seit 60 Jahren klangliche Blitze einzufangen. Im Laufe dieser langen Zeit sind Mitglieder gekommen und gegangen, wobei neue Kräfte die Plätze der ausgeschiedenen Kolleg*innen eingenommen haben.
Die Besetzung für diesen seltenen Anlass ist etwas ganz Besonderes, denn sie umfasst drei Musiker, die bereits seit den 1970er-Jahren in der Gruppe mitwirken: Saxofonist Evan Parker, Schlagzeuger Paul Lytton und Posaunist George Lewis, der mittlerweile nur noch selten auf seinem ursprünglichen Instrument spielt, da er sich weitgehend der Komposition und der Lehre verschrieben hat. Natürlich sind auch einige der jüngeren Mitglieder des Ensembles, wie Bassklarinettist Rudi Mahall und Trompeter Axel Dörner, nach wie vor fester Bestandteil des Globe Unity Orchestra. Und zum ersten Mal in der Geschichte der Band wird Schlippenbach am Klavier von der großartigen Aki Takase begleitet, mit der zusammen er vierhändig spielen wird.
Line-up: Alexander von Schlippenbach – Klavier, Komposition, Leitung
Aki Takase – Klavier
Evan Parker – Sopran- und Tenorsaxofon
Daniel Erdmann – Tenorsaxofon
Henrik Walsdorff – Altsaxofon
Rudi Mahall – Klarinette, Bassklarinette
Tomasz Dąbrowski – Trompete
Kasper Tranberg – Trompete
Axel Dörner – Trompete
George Lewis – Posaune
Christof Thewes – Posaune
Gerhard Gschlößl – Posaune
Antonio Borghini – Kontrabass
Paul Lytton – Schlagzeug
Dag Magnus Narvesen – Schlagzeug
Mit freundlicher Unterstützung durch die Robert D. Bielecki Founation
Vor dem Konzert: Artist Talk mit George Lewis, Alexander von Schlippenbach und Aki Takase
17:30 | Haus der Berliner Festspiele, Bornemann Bar
Twin Talk ist eines der am besten gehüteten Geheimnisse der pulsierenden Jazzszene Chicagos. Die Band hat im Mittleren Westen der USA bereits zahlreiche Fans gewonnen und hätte es längst verdient, auch auf dieser Seite des Atlantiks erhört zu werden. Die Bassistin und Sängerin Katie Ernst hat mit dem Pianisten Jason Moran zusammengearbeitet und war mit der Indie-Rock-Band Iron & Wine auf Tournee. Saxofonist Dustin Laurenzi hingegen hat fantasievolle Interpretationen der Musik von Moondog aufgenommen und stand mit Bon Iver und Bill Callahan auf der Bühne. Gemeinsam mit Schlagzeuger Andrew Green erschließen sie einen modernen Kammerjazz-Sound, dessen rhythmisch-harmonische Sprache zugleich kubistisch und zutiefst sinnlich ist.
Twin Talk: Delights
(US)
Uraufführung
Die drei Mitglieder von Twin Talk zählen seit weit über einem Jahrzehnt zu den zentralen Persönlichkeiten der Chicagoer Jazzszene. Doch obwohl das Trio in dieser Zeit eine Handvoll immer versierterer Alben veröffentlicht hat, markiert der Auftritt beim diesjährigen Jazzfest Berlin ihr längst überfälliges Europa-Debüt. Das bestechende Album Twin Talk Live aus dem Jahr 2024 wurde entgegen seines Titels in einem Studio aufgenommen. Durch seine äußerst interaktive Spielweise unterläuft das Saxofon-Trio gängige Konventionen, indem die Beteiligten zugleich in der Frontline und in unterstützender Funktion zu hören sind. Die Musik baut auf einprägsamen Melodien auf, die sich mit erstaunlicher Geduld und Sorgfalt entfalten. Die Improvisationen werden mit akribischer Detailgenauigkeit und einem Gespür für das richtige Maß gestaltet.
Tenorsaxofonist Dustin Laurenzi und Bassistin Katie Ernst waren in den letzten Jahren im Indie-Rock-Bereich tätig. Er war unter anderem mit Singer-Songwriter Bill Callahan auf Tour, sie stand zusammen mit Iron & Wine auf der Bühne. Doch wenn sie gemeinsam mit Schlagzeuger Andrew Green als Twin Talk auftreten, stellen sie stets ihre tiefe Verbundenheit mit dem Jazz unter Beweis. Hier und da fügt Ernst wortlosen Gesang hinzu, der ebenso präzise und nuanciert ist wie ihr Bassspiel, und während diese mühelos schwingende Musik wie etwa die frühen Bad Plus offensichtlich mit dem Pop liebäugelt, offenbart genaues Hinhören eine Fülle von raffinierten Details. Die Drei füllen jeweils eine tragende Rolle aus, die mit den anderen eng verzahnt ist. Ihre Ausführung jedoch ist von einer stillen Freiheit geprägt. Die formale Eleganz ihrer Musik steht nicht im Widerspruch zu inspirierter Improvisation, wirkungsvollen Akzenten und Verschiebungen sowie den ständigen Rollenwechseln des Line-ups – ganz im Gegenteil.
Line-up: Dustin Laurenzi – Tenorsaxofon
Katie Ernst – Kontrabass, Stimme
Andrew Green – Schlagzeug
Ches Smith ist einer der gefragtesten und vielseitigsten Schlagzeuger*innen des Jazz und der improvisierten Musik. Er arbeitet regelmäßig mit Musikern wie Craig Taborn, Tim Berne und Marc Ribot zusammen, tritt aber ebenso als dynamischer Bandleader in Erscheinung. Sein eindrückliches Quartett Clone Row umfasst Mary Halvorson und Liberty Ellman an der Gitarre sowie den in Berlin ansässigen Bassisten Nick Dunston. Gemeinsam schaffen sie einen sich ständig wandelnden Fusion-Sound und setzen funkige, kratzige Grooves in straff arrangierten Erkundungen ein, um alle Genres hinter sich zu lassen.
Ches Smith: Clone Row
(US)
Viele zeitgenössische Jazzmusiker*innen ließen sich bekanntermaßen ursprünglich vom Rock inspirieren – ein Genre, das in technischer Hinsicht um einiges niedrigschwelliger ist. Dieser Hintergrund bleibt in der Regel auch bei Künstler*innen, die sich formal anspruchsvolleren Projekten zuwenden, ein Teil ihrer musikalischen DNA. Ein Beispiel dafür ist Ches Smith. Der gebürtige Kalifornier fand seine eigene Stimme in der Szene für alternativen Rock in der Bay Area und arbeitete mit Bands wie Xiu Xiu, den Secret Chiefs 3 und Evangelista um Carla Bozulich zusammen. Seit geraumer Zeit ist Smiths Werdegang von sich überschneidenden Interessen geprägt: Während er traditionelle Musik aus Haiti studierte, arbeitete er gleichzeitig eng mit dem Saxofonisten Tim Berne und dem Pianisten Craig Taborn zusammen und interpretierte Kompositionen von John Zorn. Mit seinem Quartett Clone Row aber bringt er seine früheren Interessen und seine improvisatorische Praxis wohl nahtloser zusammen als in jedem anderen seiner zahlreichen Bandprojekte.
Das Debütalbum der Gruppe aus dem Jahr 2025 greift Ideen auf, die unter anderem von Ornette Colemans Band Prime Time, den Minutemen und Gang of Four inspiriert sind. Es betrachtet diese Einflüsse jedoch aus einer dezidiert zeitgenössischen Perspektive. Angetrieben wird der Sound des Quartetts durch das kraftvolle Zusammenspiel von Mary Halvorson und Liberty Ellman, zwei der versiertesten und vielseitigsten Gitarrist*innen der Gegenwart, sowie durch das geschmeidige Spiel des in Berlin ansässigen Bassisten Nick Dunston. Smiths breit gefächerte Interessen spiegeln sich in der ungestümen Kollision von akustischen und elektronischen Beats wider, in der Kombination der harmonischen Raffinesse des Jazz mit heftigen Rock-Grooves sowie in der Weigerung der Gruppe, sich auf eine einzige Musiktradition festzulegen. Der Name der Band spielt auf die „tone row“ an, die Tonreihe in Arnold Schönbergs Zwölftontechnik, während der Titel Abrade With Me den Namen einer von Thelonious Monk adaptierten Hymne aus dem 19. Jahrhundert abwandelt. Beides deutet darauf hin, dass Clone Row bei aller künstlerischer Komplexität letztlich von einem spürbaren Sinn für das Spielerische angetrieben werden. Dieser Auftritt markiert das Berlin-Debüt der Band.
Line-up: Ches Smith – Schlagzeug, Vibrafon, Elektronik
Mary Halvorson – Gitarre
Liberty Ellman – Gitarre
Nick Dunston – Kontrabass, Elektronik
Im Anschluss: Afterparty mit SACODE
23:30 | Quasimodo
Berlin-based collective rooted in afro:diasporic electronic music.
Wenn das letzte Konzert des Jazzfest Berlin 2026 endet, geht die Nacht im Quasimodo weiter: Die traditionelle Abschlussparty wird in diesem Jahr vom Berliner Kollektiv SACODE gestaltet – mit einem Sound zwischen (Afro) House, Amapiano, Baile Funk, Batida und anderen globalen Clubsounds. Zwischen melodischen Passagen, deepen Grooves und treibenden Rhythmen bleibt dabei eines konstant: die Einladung zum Tanzen. SACODE schafft einen Raum zum Loslassen, Auftanken und gemeinsamen Feiern. Bekannt geworden durch Veranstaltungen wie den Karneval der Kulturen und die Bucht der Träumer*, führt das Kollektiv den Traum weiter und lädt dazu ein, das Jazzfest Berlin 2026 unter dem Motto „DREAM BABY DREAM“ gemeinsam ausklingen zu lassen.
Mit SACODE. Berlin-based collective rooted in afro:diasporic electronic music.
Konzerte, Community & Outreach, Workshops, Filmscreenings, Jam-Sessions, Artist Talks
Die 63. Ausgabe des Jazzfest Berlin findet vom 29. Oktober bis 1. November 2026 im Haus der Berliner Festspiele sowie in den nahe gelegenen Spielstätten A-Trane, Quasimodo und Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche statt. Das Konzertprogramm umfasst 24 Acts mit vier Uraufführungen, zwei Europa- und fünf Deutschlandpremieren. Insgesamt zelebrieren über 130 Künstler*innen aus mehr als 25 Ländern, darunter internationale Stimmen aus der Berliner Szene, gemeinsam die globale Jazzcommunity.
Der Community-Fokus zeigt sich darüber hinaus im generationenübergreifenden Programm. Der mittlerweile preisgekrönte Kurzfilm DREAM BABY DREAM, der im Rahmen der JazzfestCommunity Week im vergangenen Jahr mit 60 Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen gedreht wurde, feierte Ende April in Washington, D. C., seine Weltpremiere und wird seitdem auf zahlreichen Musik- und Filmfestivals im In- und Ausland sowie auch zur Eröffnung des Jazzfest Berlin 2026 im Haus der Berliner Festspiele gezeigt.
Das Line-up lädt wieder zu Neuentdeckungen ein, bespielt mit herausragenden Vertreter*innen ihrer jeweiligen Szenen ein kulturell und musikalisch äußerst diverses Feld und feiert mit Anthony Braxton und Alexander von Schlippenbach zugleich zwei wegweisende Stimmen, die seit Jahrzehnten die globale Szene prägen und das Jazzfest Berlin wiederholt bereichert haben.
So ist Braxton – 50 Jahre nach seinem erstenAuftritt beim Jazzfest Berlin und sieben Jahre nach dem beeindruckenden Sonic Genome im Gropius Bau – erneut beim Festival zu erleben: Neben einem Konzert im Haus der Berliner Festspiele zur Eröffnung mit dem für diesen Anlass neu ins Leben gerufenen Anthony Braxton Septet gibt er auch einen mehrtägigen Workshop für Studierende des Jazz Institut Berlin (JIB). Letztere vereinen sich unter der Ägide des stilbildenden Komponisten und Multiinstrumentalisten zum Creative Music Orchestra und bilden mit einem Konzert im Georg-Neumann-Saal des JIB einen Höhepunkt der diesjährigen Jazzfest Community Week.
Alexander von Schlippenbach, der 1966das bahnbrechende Globe Unity Orchestra anlässlich eines Kompositionsauftrags für die damaligen Berliner Jazztage gründete, setzt mit einem Jubiläumskonzert 60 Jahre später einen glanzvollen Schlusspunkt am Festivalsonntag im Haus der Berliner Festspiele – in alter Formation, aber mit neuer Besetzung, darunter George Lewis, Aki Takase und Evan Parker.
Kontakt
Berliner Festspiele
Schaperstraße 24
D-10719 Berlin