Konzerte, Community & Outreach, Workshops, Filmscreenings, Jam-Sessions, Artist Talks
Die 63. Ausgabe des Jazzfest Berlin findet vom 29. Oktober bis 1. November 2026 im Haus der Berliner Festspiele sowie in den nahe gelegenen Spielstätten A-Trane, Quasimodo und Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche statt. Das Konzertprogramm umfasst 24 Acts mit vier Uraufführungen, zwei Europa- und fünf Deutschlandpremieren. Insgesamt zelebrieren über 130 Künstler*innen aus mehr als 25 Ländern, darunter internationale Stimmen aus der Berliner Szene, gemeinsam die globale Jazzcommunity.
Der Community-Fokus zeigt sich darüber hinaus im generationenübergreifenden Programm. Der mittlerweile preisgekrönte Kurzfilm DREAM BABY DREAM, der im Rahmen der JazzfestCommunity Week im vergangenen Jahr mit 60 Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen gedreht wurde, feierte Ende April in Washington, D. C., seine Weltpremiere und wird seitdem auf zahlreichen Musik- und Filmfestivals im In- und Ausland sowie auch zur Eröffnung des Jazzfest Berlin 2026 im Haus der Berliner Festspiele gezeigt.
Das Line-up lädt wieder zu Neuentdeckungen ein, bespielt mit herausragenden Vertreter*innen ihrer jeweiligen Szenen ein kulturell und musikalisch äußerst diverses Feld und feiert mit Anthony Braxton und Alexander von Schlippenbach zugleich zwei wegweisende Stimmen, die seit Jahrzehnten die globale Szene prägen und das Jazzfest Berlin wiederholt bereichert haben.
So ist Braxton – 50 Jahre nach seinem erstenAuftritt beim Jazzfest Berlin und sieben Jahre nach dem beeindruckenden Sonic Genome im Gropius Bau – erneut beim Festival zu erleben: Neben einem Konzert im Haus der Berliner Festspiele zur Eröffnung mit dem für diesen Anlass neu ins Leben gerufenen Anthony Braxton Septet gibt er auch einen mehrtägigen Workshop für Studierende des Jazz Institut Berlin (JIB). Letztere vereinen sich unter der Ägide des stilbildenden Komponisten und Multiinstrumentalisten zum Creative Music Orchestra und bilden mit einem Konzert im Georg-Neumann-Saal des JIB einen Höhepunkt der diesjährigen Jazzfest Community Week.
Alexander von Schlippenbach, der 1966das bahnbrechende Globe Unity Orchestra anlässlich eines Kompositionsauftrags für die damaligen Berliner Jazztage gründete, setzt mit einem Jubiläumskonzert 60 Jahre später einen glanzvollen Schlusspunkt am Festivalsonntag im Haus der Berliner Festspiele – in alter Formation, aber mit neuer Besetzung, darunter George Lewis, Aki Takase und Evan Parker.
Kontakt
JazzFest Berlin
Berliner Festspiele Schaperstraße 24 D-10719Berlin
Die schwedische Saxofonistin Elin Forkelid brillierte bereits im Jahr 2024 beim Jazzfest Berlin durch ihre dynamische Präsenz in den Bands von Anna Högberg und Vilhelm Bromander. Nun kehrt sie zum ersten Mal mit einem eigenen Projekt zurück. Zur Feier des 100. Geburtstags von John Coltrane präsentiert sie Plays For Trane: Dieses Weltklassequintett verleiht dessen unvergesslichen Kompositionen eine ganz besondere Note.
Elin Forkelid Plays For Trane
(SE)
Deutschlandpremiere
Die schwedische Saxofonistin Elin Forkelid hat bereits beim Jazzfest Berlin 2024 als Mitglied zweier von Vilhelm Bromander und Anna Högberg geleiteter Bands mit feurigen Soli geglänzt. Das Wort „for“ hat sie ganz bewusst in den Namen ihres langjährigen Projekts eingefügt. Zwar interpretiert ihr Quintett das musikalische Werk des einzigartigen Komponisten und Saxofonisten John Coltrane, doch besteht die Aufgabe der Gruppe sowohl darin, Tranes Musik zu spielen, als auch sein Vermächtnis weiterzudenken. Diese beiden Ziele sind untrennbar miteinander verbunden. Zu Forkelids Band gehören einige der größten Talente der aktuellen Stockholmer Jazzszene: Gitarrist David Stackenäs und Vibrafonist Mattias Ståhl sorgen für eine ebenso üppige wie vielschichtige harmonische Grundierung, während Bassist Bromander und Schlagzeuger Jon Fält die Musik vorantreiben und zugleich einen Strudel brodelnder Energie erzeugen, in dem sich Tranes ekstatische Leidenschaft verdichtet.
Auf dem vor Kurzem erschienenen zweiten Album der Gruppe widmet sich das Quintett unvergesslichen Klassikern, darunter die introspektive Ballade Naima und der zeitlose Appell Peace on Earth. Während die Musiker*innen den melodischen und harmonischen Kern des Materials erhalten und pflegen, fügen die Arrangements diesem noch eine weitere Ebene hinzu. Dazu erschaffen der Gitarrist und der Vibrafonist ein zerklüftetes Klanggefüge – ein schimmerndes, leuchtendes Gewebe, vor dessen Hintergrund die klagenden Melodien des Saxofonisten endlos neu interpretiert werden, wobei der raue Klang an die feurige Spiritualität von Coltranes Spätwerk erinnert. Ihre Interpretation des wenig bekannten Stücks Reverend King vom Album Cosmic Music aus dem Jahr 1968 reitet auf einem steten Stakkato-Puls dahin und baut damit eine Spannung auf, dank derer Forkelids episches Solo meisterhaft in Szene gesetzt wird. Das Arrangement indes lässt sich Zeit und kommt in den letzten, sprudelnden Momenten richtig zur Geltung.
Line-up: Elin Forkelid – Sopran-, Alt- und Tenorsaxofon
David Stackenäs – Gitarre
Mattias Ståhl – Vibrafon
Vilhelm Bromander – Kontrabass
Jon Fält – Schlagzeug, Perkussion
Bewertungen & Berichte Elin Forkelid Plays For Trane
Filmplakate Being Hipp & DREAM BABY DREAM
Film
Being Hipp – First Lady of European Jazz
in Anwesenheit der Regisseurin, vorab: DREAM BABY DREAM
Doppelscreening am Sonntagmorgen: Der experimentelle Kurzfilm DREAM BABY DREAM, der im Rahmen des Jazzfest Berlin 2025 gemeinsam mit 60 Berliner Akteur*innen realisiert wurde, trifft auf das filmische Porträt Being Hipp, das die Geschichte der Jazzpianistin Jutta Hipp erzählt und zugleich ein Panorama der transatlantischen Jazzkultur in einer Zeit des Umbruchs entfaltet.
Vorabfilm: DREAM BABY DREAM
Ein Film von Andrés Aguiló, Lina Ashour, Frederik Britzlmair, Nadin Deventer, Joel Grip, Andrés Hilarión, Chris Jonas, Nelly Thea Köster, Cal Ola und Ahmed Shah
DE 2026, 21 min
Eine Produktion von Jazzfest Berlin / Berliner Festspiele
In verschiedenen Sprachen mit englischen Untertiteln
60 Berliner Akteur*innen, darunter Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Künstler*innen aus unterschiedlichen Disziplinen, erkunden in diesem experimentellen Kurzfilm durch Musik, Bewegung und Poesie zentrale Fragen unserer Gegenwart. Das Projekt wurde im Herbst 2025 von einem zehnköpfigen Creative Team entwickelt und während der Jazzfest Community Week in Berlin gedreht. Der Film feierte im April 2026 seine Premiere in Washington, D.C., wo er mit dem IN Series Counterpoint Award ausgezeichnet wurde, und war seitdem bei über zwanzig Screenings auf Musik- und Filmfestivals im In- und Ausland zu sehen.
Being Hipp – First Lady of European Jazz
Ein Film von Anna Schmidt
in Anwesenheit der Regisseurin
DE 2025, 52 min
Koproduktion mit MDR und BR für ARTE
In deutscher Sprache mit englischen Untertiteln
Being Hipp – First Lady of European Jazz folgt dem außergewöhnlichen Lebensweg der Jazzpianistin Jutta Hipp zwischen Deutschland und New York und zeichnet das Porträt einer Musikerin, die sich in den 1950er-Jahren in einer männerdominierten Szene behaupten musste. Hipp war die erste europäische Frau, die einen Plattenvertrag bei Blue Note Records erhielt. Als Künstlerin wurde sie von der Presse gefeiert und von ihren Kolleg*innen verehrt. Trotzdem verstummte sie nach wenigen Jahren, verließ die Bühne und arbeitete fortan anonym in einer Textilfabrik im New Yorker Stadtteil Queens.
Legendäre Jazzgrößen wie David Amram, Lou Donaldson und Sheila Jordan, die Jutta Hipp noch persönlich kannten, erinnern sich im Film an eine Musikerin voller Talent, Charisma und Widerspruch. Ihre Biografin Ilona Haberkamp teilt bisher unveröffentlichtes Archivmaterial, Clara Haberkamp interpretiert Hipps Musik neu und die renommierte Harvard-Professorin Ingrid Monson analysiert die politischen und kulturellen Spannungsfelder, in denen sich Hipp bewegte.
Der Kölner Posaunist Matthias Muche ist nicht nur ein virtuoser Musiker, sondern auch ein visionärer Komponist. Er hat erkannt, welche vielfältigen klanglichen und harmonischen Möglichkeiten sich ergeben, wenn zwölf Posaunen gemeinsam erklingen. Im Rahmen von BONECRUSHER erkundet er das Miteinander von sorgfältig kontrollierten, geschichteten Drones, dynamischem Kontrapunkt und ausgelassenen Bläsereinsätzen. Das Ensemble agiert dabei wie ein einziger, vielgliedriger Organismus, der in der Lage ist, mehrere spannende Handlungsstränge zur selben Zeit im Gleichgewicht zueinander zu halten. Beim Jazzfest Berlin wird der Klang der Gruppe durch die hallenden Räumlichkeiten der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche verstärkt und bereichert.
Der Kölner Musiker Matthias Muche wechselt mühelos zwischen zeitgenössischer Komposition und freier Improvisation. BONECRUSHER ist ein außergewöhnliches Orchester, das sich unter seiner Leitung auf ein einziges Instrument konzentriert: die gemeinhin als überschwänglich, forsch und laut geltende Posaune. Unter Muche schafft die Gruppe eine breite Palette unerwarteter Klänge und Ansätze. Sie verzichtet dabei auf konkrete Bezüge zu Militärkapellen oder den musikalischen Traditionen der Begräbnisparaden in New Orleans. Dem Bandleader zufolge setzt sich die Musik mit „der Posaune als großem kollektiven Instrument auseinander, das zwischen Atem, Geräusch, mikrotonalen Harmoniefeldern, dichten Blechbläsertexturen und sich wandelnden Klangmassen vermittelt“.
Bei ihrem Jazzfest-Berlin-Debüt wird die Gruppe Musik von ihrem atemberaubenden diesjährigen Album Densities aufführen und die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche mit einem volltönenden, körperlich greifbaren Klang erfüllen. Muches Butter ist ein dichtes Drone-Stück, das von zirkulären, unaufhörlichen Wirbeln durchzogen wird. Das episodische Quarter hingegen generiert ständig neue Melodien als scheinbar unaufhörliches Aufblühen und Entfalten verschiedener gewundener Gesten und sich wandelnder Harmonien. Das karge Up+Down, eine Komposition des Berliner Posaunisten und Ensemblemitglieds Matthias Müller, ist eine fieberhafte Studie über mikrotonale Glissandi – gebündelte Töne, die subtilen Verschiebungen ausgesetzt werden. Zudem haben Muche und Müller zusammen mit dem Chicagoer Posaunisten Jeb Bishop das klassische Mehrspur-Tonbandstück Brass / Breath / Brisk von Johannes Bauer in ein vielschichtiges Geflecht aus komplexem Zusammenspiel, dichten Akkorden und solistischen Exkursionen verwandelt. Etienne Nillesen und Rie Watanabe verleihen diesem Stück an der Percussion zusätzliche martialische Rhythmen, während ihre erweiterten Spieltechniken dem Getöse an anderer Stelle noch mehr Resonanz und Textur hinzufügen.
Line-up: Matthias Muche – Posaune, Komposition, Künstlerische Leitung
Matthias Müller – Posaune, Komposition
Adrian Prost – Posaune
Carlotta Armbruster – Posaune
Anke Lucks – Posaune
Maria Trautmann – Posaune
Matthias Schuller – Posaune
Maximilian Wehner – Posaune
Moritz Anthes – Posaune
Moritz Wesp – Posaune
Yoshiki Matsuura – Posaune
Etienne Nillesen – Snare Drum
Rie Watanabe – Perkussion
Mit freundlicher Unterstützung durch die Kunststiftung NRW und das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen
mit George Lewis, Alexander von Schlippenbach und Aki Takase
60 Jahre nach seinem Debüt bei den damaligen Berliner Jazztagen kehrt das Globe Unity Orchestra mit einer besonderen Besetzung zum Jazzfest Berlin zurück: Mit Alexander von Schlippenbach, George Lewis und Aki Takase kommen drei prägende Musiker*innenpersönlichkeiten mit Journalist Peter Margasak und der Künstlerischen Leiterin des Jazzfest Berlin Nadin Deventer zusammen, um über das künstlerische Schaffen des Ensembles und seine Bedeutung für die Musikgeschichte zu sprechen.
Mit George Lewis, Alexander von Schlippenbach und Aki Takase
Nadin Deventer, Peter Margasak – Moderation
Dauer: circa 45 min
Termin
So 1.11.2026, 17:30 | Eintritt frei!
Ort
Berliner Festspiele
Bornemann Bar Schaperstraße 24
D-10719 Berlin
Der in Wien ansässige Pianist Georg Graewe kehrt endlich wieder zum Jazzfest Berlin zurück – mit einem relativ neuen All-Star-Trio, das er gemeinsam mit Schlagzeuger Hamid Drake und Bassist Brad Jones bildet. Ihr packendes Debütalbum dokumentiert einen Auftritt der Gruppe beim Festival Konfrontationen in Nickelsdorf im Jahr 2024, wo sich ihr erstes Zusammentreffen zu einem musikalischen Feuerwerk entwickelte. Die indisch-US-amerikanische Sängerin ganavya wird bei ihrem Debüt beim Jazzfest Berlin eine ganz andere Atmosphäre entfalten. Ihre jüngsten Alben setzen auf eine nahezu magische Mischung aus Jazzharmonien, fließender Improvisation und südasiatischen Andachtstraditionen, deren herzliche Großzügigkeit und emotionale Präzision sich in ihrem vollen Umfang am besten live erleben lassen. Der Abend endet mit einer herausragenden, generationenübergreifenden Besetzung des legendären Globe Unity Orchestra um Pianist Alexander von Schlippenbach. Der Auftritt beim Jazzfest Berlin 2026 feiert das 60-jährige Bestehen des Ensembles, erstmals mit einem vierhändigen Klavierstück zwischen dem Bandleader und der großartigen Aki Takase sowie mit einem der selten gewordenen Auftritte des Komponisten George Lewis an der Posaune.
18:30 Graewe / Jones / Drake
(DE, US)
Deutschlandpremiere
Der Pianist Georg Graewe gehört zu den Schlüsselfiguren der deutschen Free-Jazz-Geschichte. Als unermüdlicher Entdecker hat er sich in seiner fast sechs Jahrzehnte währenden Karriere nie auf eine einzige Spielweise oder Denkschule festgelegt. Seine frühe Liebe zum Progressive Rock führte ihn und seine Bandkollegen bald zum Free Jazz. Mitte der 1970er-Jahre veröffentlichte sein Quintett zwei bemerkenswerte Alben beim legendären Label FMP – beides sträflich vernachlässigte Juwelen, die das doppelte Interesse des Pianisten an struktureller Strenge und grenzenloser Improvisation dokumentieren. In den folgenden Jahrzehnten leitete er eine Vielzahl unterschiedlicher Projekte, darunter ein wegweisendes Kammertrio mit dem Cellisten Ernst Reijseger und dem Schlagzeuger Gerry Hemingway sowie eine Reihe von Großensembles, die die Prinzipien des Free Jazz zunehmend in die zeitgenössische Musik einbrachten.
Sowohl im GrubenKlangOrchester als auch im jüngeren Sonic Fiction Orchestra konzentriert sich Graewe zunehmend auf ausgedehnte Kompositionen, bei denen aufwendig ausgearbeitete Partituren durch sorgfältig geplante Improvisationen belebt und erweitert werden, ohne dass sich die Musiker*innen an etablierten stilistischen Sprachen orientieren. Doch so sehr sich der Pianist auch komplexeren, kompositionsbasierten Werken verschrieben hat: Er bleibt ein beeindruckender Improvisationsmusiker. Das bewies auch sein erstmaliges Zusammentreffen mit dem Chicagoer Schlagzeuger Hamid Drake und dem in Lissabon lebenden US-amerikanischen Bassisten Brad Jones beim Festival Konfrontationen in Nickelsdorf im Jahr 2024. Diese bei 35 Grad eingespielte Session wurde später unter dem Titel More Than Anything veröffentlicht. Graewe hatte bereits mit dem Schlagzeuger zusammengearbeitet, als er im Jahr 1997 für eine Weile in Chicago lebte und dort eine bemerkenswerte Band gründete: ein Quartett mit Drake, Frank Gratkowski und Kent Kessler. Als er sich an diesem heißen Julitag in Österreich wieder mit Drake zusammentat und zum ersten Mal auf Jones traf, kam das Trio sofort in Fahrt. Die Gruppe lieferte eine fesselnde Darbietung, die sich durch atemberaubende Höhen und Tiefen schlängelte – ein Paradebeispiel für meisterhafte Free-Jazz-Intensität.
Line-up: Georg Graewe – Klavier
Brad Jones – Kontrabass
Hamid Drake – Schlagzeug, Rahmentrommel, Stimme
20:00 ganavya
(AT, DE, US)
Es gibt wohl kaum eine andere Musikerin, die das künstlerische Schaffen der großartigen Alice Coltrane mehr würdigt und konsequenter weiterdenkt als die mittlerweile in Berlin ansässige indisch-US-amerikanische Sängerin ganavya. Aus der Erkenntnis heraus, dass Improvisation das verbindende Element beider musikalischer Traditionen ist, löst die Sängerin und Komponistin seit geraumer Zeit die Grenzen zwischen Jazz und südasiatischen Andachtstraditionen auf. Über Jahre hinweg brachte sie ihre Studien der Ethnomusikologie und der kritischen Gesellschaftsanalyse – unter anderem bei Vijay Iyer in Yale – mit Auftritten an der Seite unterschiedlichster Musiker*innen in Einklang. Doch ein gemeinsamer Auftritt mit der geheimnisvollen britischen R&B-Band Sault im Dezember 2023 in London markierte einen entscheidenden Wendepunkt in ihrer Karriere. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits die Aufmerksamkeit von Shabaka Hutchings auf sich gezogen, der ihr atemberaubendes Album like the sky, I’ve been too quiet aus dem Jahr 2024 auf seinem Label Native Rebel veröffentlichte. Zwei weitere Alben folgten anschließend bei LEITER, dem Label des Pianisten Nils Frahm.
ganavyas Stimme entzieht sich analytischen Kategorien. Sie ist eine warme, fließende Energie, die die weichen Konturen ihrer Lieder sanft umschmeichelt und sich zwischen ihnen hin und her bewegt. Auf ihren Alben ist eine Vielzahl herausragender Musiker*innen zu hören, im Live-Setting wird sie jedoch nur von Harfe und Kontrabass begleitet, die die schlanken Strukturen und luftigen Harmonien mit kaskadenartigen Arpeggios nachzeichnen. Das gibt ganavyas Stimme und Bühnenpräsenz den Raum, ihre volle Wirkung zu entfalten. Die Musikerin scheint ganz in der Musik aufzugehen: Melodien entsteigen sanft und großzügig ihrer Vorstellungskraft. Zugleich sind die Klänge untrennbar mit dem Publikum verbunden. ganavya erzählt von ihrer Musik, als wäre sie eine enge Freundin aller, die sich zum Zuhören um sie versammelt haben.
Der Pianist Alexander von Schlippenbach blickt auf eine glorreiche Geschichte mit dem Jazzfest Berlin zurück, die sich über Jahrzehnte erstreckt. Tatsächlich wurde er bereits im Jahr 1966 von Joachim-Ernst Berendt, dem ersten künstlerischen Leiter des damals noch unter dem Namen Berliner Jazztage laufenden Festivals, beauftragt, eine mehrköpfige Improvisationsgruppe zu gründen. Diese Anfrage führte zur Gründung des Globe Unity Orchestra. Seitdem versucht das Ensemble auf immer neue Weisen, das Unbeschreibliche in die Tat umzusetzen – die schwer fassbare Kreativität der freien Improvisation. Der Pianist hat immer wieder Musiker*innen aus aller Welt um sich geschart, die sein Streben nach einer Choreografie der Spontaneität teilen. Dieser unermüdliche Einsatz hat ihm dabei geholfen, seit 60 Jahren klangliche Blitze einzufangen. Im Laufe dieser langen Zeit sind Mitglieder gekommen und gegangen, wobei neue Kräfte die Plätze der ausgeschiedenen Kolleg*innen eingenommen haben.
Die Besetzung für diesen seltenen Anlass ist etwas ganz Besonderes, denn sie umfasst drei Musiker, die bereits seit den 1970er-Jahren in der Gruppe mitwirken: Saxofonist Evan Parker, Schlagzeuger Paul Lytton und Posaunist George Lewis, der mittlerweile nur noch selten auf seinem ursprünglichen Instrument spielt, da er sich weitgehend der Komposition und der Lehre verschrieben hat. Natürlich sind auch einige der jüngeren Mitglieder des Ensembles, wie Bassklarinettist Rudi Mahall und Trompeter Axel Dörner, nach wie vor fester Bestandteil des Globe Unity Orchestra. Und zum ersten Mal in der Geschichte der Band wird Schlippenbach am Klavier von der großartigen Aki Takase begleitet, mit der zusammen er vierhändig spielen wird.
Line-up: Alexander von Schlippenbach – Klavier, Komposition, Leitung
Aki Takase – Klavier
Evan Parker – Sopran- und Tenorsaxofon
Daniel Erdmann – Tenorsaxofon
Henrik Walsdorff – Altsaxofon
Rudi Mahall – Klarinette, Bassklarinette
Tomasz Dąbrowski – Trompete
Kasper Tranberg – Trompete
Axel Dörner – Trompete
George Lewis – Posaune
Christof Thewes – Posaune
Gerhard Gschlößl – Posaune
Antonio Borghini – Kontrabass
Paul Lytton – Schlagzeug
Dag Magnus Narvesen – Schlagzeug
Mit freundlicher Unterstützung durch die Robert D. Bielecki Founation
Vor dem Konzert: Artist Talk mit George Lewis, Alexander von Schlippenbach und Aki Takase
17:30 | Haus der Berliner Festspiele, Bornemann Bar
Twin Talk ist eines der am besten gehüteten Geheimnisse der pulsierenden Jazzszene Chicagos. Die Band hat im Mittleren Westen der USA bereits zahlreiche Fans gewonnen und hätte es längst verdient, auch auf dieser Seite des Atlantiks erhört zu werden. Die Bassistin und Sängerin Katie Ernst hat mit dem Pianisten Jason Moran zusammengearbeitet und war mit der Indie-Rock-Band Iron & Wine auf Tournee. Saxofonist Dustin Laurenzi hingegen hat fantasievolle Interpretationen der Musik von Moondog aufgenommen und stand mit Bon Iver und Bill Callahan auf der Bühne. Gemeinsam mit Schlagzeuger Andrew Green erschließen sie einen modernen Kammerjazz-Sound, dessen rhythmisch-harmonische Sprache zugleich kubistisch und zutiefst sinnlich ist.
Twin Talk: Delights
(US)
Uraufführung
Die drei Mitglieder von Twin Talk zählen seit weit über einem Jahrzehnt zu den zentralen Persönlichkeiten der Chicagoer Jazzszene. Doch obwohl das Trio in dieser Zeit eine Handvoll immer versierterer Alben veröffentlicht hat, markiert der Auftritt beim diesjährigen Jazzfest Berlin ihr längst überfälliges Europa-Debüt. Das bestechende Album Twin Talk Live aus dem Jahr 2024 wurde entgegen seines Titels in einem Studio aufgenommen. Durch seine äußerst interaktive Spielweise unterläuft das Saxofon-Trio gängige Konventionen, indem die Beteiligten zugleich in der Frontline und in unterstützender Funktion zu hören sind. Die Musik baut auf einprägsamen Melodien auf, die sich mit erstaunlicher Geduld und Sorgfalt entfalten. Die Improvisationen werden mit akribischer Detailgenauigkeit und einem Gespür für das richtige Maß gestaltet.
Tenorsaxofonist Dustin Laurenzi und Bassistin Katie Ernst waren in den letzten Jahren im Indie-Rock-Bereich tätig. Er war unter anderem mit Singer-Songwriter Bill Callahan auf Tour, sie stand zusammen mit Iron & Wine auf der Bühne. Doch wenn sie gemeinsam mit Schlagzeuger Andrew Green als Twin Talk auftreten, stellen sie stets ihre tiefe Verbundenheit mit dem Jazz unter Beweis. Hier und da fügt Ernst wortlosen Gesang hinzu, der ebenso präzise und nuanciert ist wie ihr Bassspiel, und während diese mühelos schwingende Musik wie etwa die frühen Bad Plus offensichtlich mit dem Pop liebäugelt, offenbart genaues Hinhören eine Fülle von raffinierten Details. Die Drei füllen jeweils eine tragende Rolle aus, die mit den anderen eng verzahnt ist. Ihre Ausführung jedoch ist von einer stillen Freiheit geprägt. Die formale Eleganz ihrer Musik steht nicht im Widerspruch zu inspirierter Improvisation, wirkungsvollen Akzenten und Verschiebungen sowie den ständigen Rollenwechseln des Line-ups – ganz im Gegenteil.
Line-up: Dustin Laurenzi – Tenorsaxofon
Katie Ernst – Kontrabass, Stimme
Andrew Green – Schlagzeug
Ches Smith ist einer der gefragtesten und vielseitigsten Schlagzeuger*innen des Jazz und der improvisierten Musik. Er arbeitet regelmäßig mit Musikern wie Craig Taborn, Tim Berne und Marc Ribot zusammen, tritt aber ebenso als dynamischer Bandleader in Erscheinung. Sein eindrückliches Quartett Clone Row umfasst Mary Halvorson und Liberty Ellman an der Gitarre sowie den in Berlin ansässigen Bassisten Nick Dunston. Gemeinsam schaffen sie einen sich ständig wandelnden Fusion-Sound und setzen funkige, kratzige Grooves in straff arrangierten Erkundungen ein, um alle Genres hinter sich zu lassen.
Ches Smith: Clone Row
(US)
Viele zeitgenössische Jazzmusiker*innen ließen sich bekanntermaßen ursprünglich vom Rock inspirieren – ein Genre, das in technischer Hinsicht um einiges niedrigschwelliger ist. Dieser Hintergrund bleibt in der Regel auch bei Künstler*innen, die sich formal anspruchsvolleren Projekten zuwenden, ein Teil ihrer musikalischen DNA. Ein Beispiel dafür ist Ches Smith. Der gebürtige Kalifornier fand seine eigene Stimme in der Szene für alternativen Rock in der Bay Area und arbeitete mit Bands wie Xiu Xiu, den Secret Chiefs 3 und Evangelista um Carla Bozulich zusammen. Seit geraumer Zeit ist Smiths Werdegang von sich überschneidenden Interessen geprägt: Während er traditionelle Musik aus Haiti studierte, arbeitete er gleichzeitig eng mit dem Saxofonisten Tim Berne und dem Pianisten Craig Taborn zusammen und interpretierte Kompositionen von John Zorn. Mit seinem Quartett Clone Row aber bringt er seine früheren Interessen und seine improvisatorische Praxis wohl nahtloser zusammen als in jedem anderen seiner zahlreichen Bandprojekte.
Das Debütalbum der Gruppe aus dem Jahr 2025 greift Ideen auf, die unter anderem von Ornette Colemans Band Prime Time, den Minutemen und Gang of Four inspiriert sind. Es betrachtet diese Einflüsse jedoch aus einer dezidiert zeitgenössischen Perspektive. Angetrieben wird der Sound des Quartetts durch das kraftvolle Zusammenspiel von Mary Halvorson und Liberty Ellman, zwei der versiertesten und vielseitigsten Gitarrist*innen der Gegenwart, sowie durch das geschmeidige Spiel des in Berlin ansässigen Bassisten Nick Dunston. Smiths breit gefächerte Interessen spiegeln sich in der ungestümen Kollision von akustischen und elektronischen Beats wider, in der Kombination der harmonischen Raffinesse des Jazz mit heftigen Rock-Grooves sowie in der Weigerung der Gruppe, sich auf eine einzige Musiktradition festzulegen. Der Name der Band spielt auf die „tone row“ an, die Tonreihe in Arnold Schönbergs Zwölftontechnik, während der Titel Abrade With Me den Namen einer von Thelonious Monk adaptierten Hymne aus dem 19. Jahrhundert abwandelt. Beides deutet darauf hin, dass Clone Row bei aller künstlerischer Komplexität letztlich von einem spürbaren Sinn für das Spielerische angetrieben werden. Dieser Auftritt markiert das Berlin-Debüt der Band.
Line-up: Ches Smith – Schlagzeug, Vibrafon, Elektronik
Mary Halvorson – Gitarre
Liberty Ellman – Gitarre
Nick Dunston – Kontrabass, Elektronik
Im Anschluss: Afterparty mit SACODE
23:30 | Quasimodo
Berlin-based collective rooted in afro:diasporic electronic music.
Wenn das letzte Konzert des Jazzfest Berlin 2026 endet, geht die Nacht im Quasimodo weiter: Die traditionelle Abschlussparty wird in diesem Jahr vom Berliner Kollektiv SACODE gestaltet – mit einem Sound zwischen (Afro) House, Amapiano, Baile Funk, Batida und anderen globalen Clubsounds. Zwischen melodischen Passagen, deepen Grooves und treibenden Rhythmen bleibt dabei eines konstant: die Einladung zum Tanzen. SACODE schafft einen Raum zum Loslassen, Auftanken und gemeinsamen Feiern. Bekannt geworden durch Veranstaltungen wie den Karneval der Kulturen und die Bucht der Träumer*, führt das Kollektiv den Traum weiter und lädt dazu ein, das Jazzfest Berlin 2026 unter dem Motto „DREAM BABY DREAM“ gemeinsam ausklingen zu lassen.
Mit SACODE. Berlin-based collective rooted in afro:diasporic electronic music.
Konzerte, Community & Outreach, Workshops, Filmscreenings, Jam-Sessions, Artist Talks
Die 63. Ausgabe des Jazzfest Berlin findet vom 29. Oktober bis 1. November 2026 im Haus der Berliner Festspiele sowie in den nahe gelegenen Spielstätten A-Trane, Quasimodo und Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche statt. Das Konzertprogramm umfasst 24 Acts mit vier Uraufführungen, zwei Europa- und fünf Deutschlandpremieren. Insgesamt zelebrieren über 130 Künstler*innen aus mehr als 25 Ländern, darunter internationale Stimmen aus der Berliner Szene, gemeinsam die globale Jazzcommunity.
Der Community-Fokus zeigt sich darüber hinaus im generationenübergreifenden Programm. Der mittlerweile preisgekrönte Kurzfilm DREAM BABY DREAM, der im Rahmen der JazzfestCommunity Week im vergangenen Jahr mit 60 Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen gedreht wurde, feierte Ende April in Washington, D. C., seine Weltpremiere und wird seitdem auf zahlreichen Musik- und Filmfestivals im In- und Ausland sowie auch zur Eröffnung des Jazzfest Berlin 2026 im Haus der Berliner Festspiele gezeigt.
Das Line-up lädt wieder zu Neuentdeckungen ein, bespielt mit herausragenden Vertreter*innen ihrer jeweiligen Szenen ein kulturell und musikalisch äußerst diverses Feld und feiert mit Anthony Braxton und Alexander von Schlippenbach zugleich zwei wegweisende Stimmen, die seit Jahrzehnten die globale Szene prägen und das Jazzfest Berlin wiederholt bereichert haben.
So ist Braxton – 50 Jahre nach seinem erstenAuftritt beim Jazzfest Berlin und sieben Jahre nach dem beeindruckenden Sonic Genome im Gropius Bau – erneut beim Festival zu erleben: Neben einem Konzert im Haus der Berliner Festspiele zur Eröffnung mit dem für diesen Anlass neu ins Leben gerufenen Anthony Braxton Septet gibt er auch einen mehrtägigen Workshop für Studierende des Jazz Institut Berlin (JIB). Letztere vereinen sich unter der Ägide des stilbildenden Komponisten und Multiinstrumentalisten zum Creative Music Orchestra und bilden mit einem Konzert im Georg-Neumann-Saal des JIB einen Höhepunkt der diesjährigen Jazzfest Community Week.
Alexander von Schlippenbach, der 1966das bahnbrechende Globe Unity Orchestra anlässlich eines Kompositionsauftrags für die damaligen Berliner Jazztage gründete, setzt mit einem Jubiläumskonzert 60 Jahre später einen glanzvollen Schlusspunkt am Festivalsonntag im Haus der Berliner Festspiele – in alter Formation, aber mit neuer Besetzung, darunter George Lewis, Aki Takase und Evan Parker.
Kontakt
Berliner Festspiele
Schaperstraße 24
D-10719 Berlin